Wer verdächtigt wird, Fußballspiele manipuliert zu haben, lebt gefährlich. Das musste jüngst erst ein gewisser Sergej Bulynjonok erfahren. Bulynjonok spielt für den belarussischen Zweitligisten Oschmjany. Nach einem Spiel gegen Lutsch aus Minsk, das 3:3 endete, fuhr er im Juli 2016 mit vier Mitspielern im Auto, als es von maskierten und bewaffneten Männern angehalten wurde. "Sie fragten mich, ob ich verstehe, was hier abgeht", sagt Bulynjonok. "Ich hatte keine Ahnung. Dann erklärten sie, dass wir gerade ein abgesprochenes Spiel gespielt haben sollen. Schließlich legten sie los."

Die Männer schlugen Bulynjonok ins Gesicht und brachten ihn zur Polizei. Von dort musste er auf die Intensivstation eines Krankenhauses gebracht werden. Bulynjonok soll zusammen mit seinen Mitspielern die Partie gegen Lutsch manipuliert haben. Zusammengeschlagen wurde er von Leuten, denen das gar nicht gefiel. Zwar handelte es sich bei der Begegnung zwischen Oschmjany und Lutsch tatsächlich um Match-Fixing. Allerdings war Bulynjonok Informationen des belarussischen Ermittlungskomitees zufolge an der Absprache nicht beteiligt. "Er stand letztlich nicht auf der Liste des Ermittlungskomitees", sagt Iwan Malina, der zu den Gründern von Oschmjany gehört. "Alles spricht dafür, dass Bulynjonok grundlos geschlagen wurde."

Grenzübergreifende Angelegenheit

Es ist nur eine der vielen bemerkenswerten Episoden im ersten Gerichtsprozess um manipulierte Fußballspiele in der Geschichte Belarus, der am vergangenen Donnerstag vor dem Gericht in Minsk zu Ende ging. Angeklagt waren 14 Belarussen und ein Ukrainer, die sich an der Abstimmung der Ergebnisse von fünf Spielern in der ersten und zweiten Liga sowie im Pokal beteiligt haben. Alle Angeklagten haben bereits am Anfang des Verfahrens ihre Schuld zugegeben.

Match-Fixing ist kein explizit belarussisches Problem. Auch in Russland und der Ukraine, ja im gesamten postsowjetischen Raum gibt es verdächtige Spiele zuhauf. Der Prozess ist aber nicht nur interessant, weil mit Bate Borisov auch ein Verein eine Rolle spielt, der am Donnerstag in der Europa League gegen den 1. FC Köln spielt. Sondern auch, weil das Verfahren einen selten guten Eindruck davon vermittelt, wie genau eigentlich Fußballspiele manipuliert werden.

Zunächst einmal typisch: Spielmanipulationen sind meist eine grenzübergreifende Angelegenheit. In Belarus wurde lediglich umgesetzt, was woanders geplant wurde – meistens in Russland und in der Ukraine, aber auch in Litauen. Drahtzieher waren der russische Ex-Eishockeytorhüter Boris Tortunow sowie die ehemaligen ukrainischen Fußballer Jewhen Schmakow und Witalij Asarow. Sie haben die gewünschten Ergebnisse in Belarus in Auftrag gegeben, um bei Buchmachern in Asien Gewinn zu erzielen.

Zweimal zwei Gegentore innerhalb von zwei Minuten

Vor Ort arbeitete dann ein kleines lokales Netzwerk, das vom erfolglosen Ex-Spieler Wjatscheslaw Samara angeführt wurde. Samara verdiente zuletzt sein Geld vor allem als Uber-Fahrer, hatte jedoch beste Kontakte innerhalb des belarussischen Fußballs. Direkt mit den Spielern verhandelte eine weitere Persönlichkeit mit spannender Vorgeschichte: Jaroslaw Lemik, einst Basketballnationalspieler der Ukraine, in seiner Heimat ist er jedoch gesperrt, wegen Beteiligung an Match-Fixing.

Der vielleicht interessanteste von fünf Fällen dreht sich um das Erstliga-Spiel zwischen dem damaligen ambitionierten Aufsteiger Islotsch und Dinamo Brest (2:4), das Ende April 2016 stattfand. Der Russe Boris Tortunow, der nach Karriereende übrigens für das Amateur-Eishockeyteam des Präsidenten Lukaschenko spielte, bat Samara, sich mit Verantwortlichen von Islotsch in Verbindung zu setzen. Dem Co-Trainer von Islotsch wurde zunächst gesagt, das Spiel gegen Dinamo einfach zu verlieren. Später einigten sich beide Seiten darauf, dass Islosch nicht die erste Halbzeit gewinnen soll – und zwar auf interessante Art und Weise. Zweimal gingen die Gastgeber in diesem Spiel in Führung, in beiden Fällen haben sie allerdings innerhalb von nur zwei Minuten auch das Gegentor kassiert. Am Ende gewann Dinamo die erste Halbzeit 3:2.

Von den sieben Islotsch-Spielern, die sich an der Absprache mit Tortunow beteiligten, standen sechs auf dem Platz. Sie sollten ursprünglich 10.000 US-Dollar für ihre Dienste bekommen, letztlich sind laut den Ermittlungsergebnissen nur 8.000 US-Dollar bei den Spielern angekommen.