Vor Freistößen steht er manchmal so breitbeinig da wie Cristiano Ronaldo. Doch die Pose hat er ebenso wenig nötig wie den Spitznamen: "Syriens Ibrahimović". Omar al-Soma, 1,92 Meter groß, schnell und agil, schlägt fast jeden im Kopfballduell, kann beidfüßig schießen und Freistöße wie vom Zirkel gezogen im Toreck platzieren. Manchmal vollbringt der 28-jährige syrische Nationalspieler auch Wunder.

Zuletzt am 5. September in Teheran beim WM-Qualifikationsspiel gegen den Iran. 93. Minute, die Iraner führen 2:1, eine Niederlage wäre das Aus für Syriens WM-Chancen. Ein letzter Konter, al-Soma bekommt den Ball kurz vor dem iranischen Strafraum, zieht nach rechts, tunnelt den Torwart – 2:2. Unentschieden. Der syrische TV-Kommentator beginnt zu schluchzen, in Damaskus brechen die Menschen in den Cafés in Jubel aus, auf den Straßen ertönen Hupkonzerte. Die vom Krieg gebeutelte Nation schafft vielleicht eine Sensation: die Teilnahme an der WM, die erste in der Geschichte des Landes überhaupt. Am Donnerstag tritt Syrien in der Play-off-Runde um die letzten Startplätze für die WM 2018 gegen Australien an.

Es wäre das perfekte Fußballmärchen, hieße der prominenteste Fan der Mannschaft nicht Baschar al-Assad. Und hätte Omar al-Soma nicht etwas getan, wofür andere in seiner Heimat erschossen werden.

Es gibt unter Syrern zwei Sichtweisen auf die Nationalmannschaft, die bis vor ein paar Jahren noch auf der untersten Stufe des Fifa-Rankings stand. Für die einen beweist sie den heroischen Widerstand gegen eine internationale Gemeinschaft, die das Land und seine Sportler mit Sanktionen belegt und Rebellen mit Waffen ausgerüstet hat. Für die anderen ist sie zentraler Teil der Propagandamaschine eines Regimes, das Krieg gegen das eigene Volk führt. 321.000 Menschen sind laut syrischer Beobachtungsstelle für Menschenrechte seit 2011 umgekommen, 145.000 werden vermisst, unter den Toten sind mehrere Dutzend Fußballer der ersten und zweiten Liga des Landes.

Irgendwo zwischen diesen Fronten steht Omar al-Soma, der schon als Junge von einer Fußballkarriere in Europa träumte. Er trainierte für die Nationalmannschaft, als das Regime 2011 Panzer und Scharfschützen in seiner Heimatstadt Deir al-Sur einsetzte, um die Aufstände niederzuschlagen. Al-Soma ging ins Ausland, spielte erst in Kuwait und wechselte dann zum saudischen Club Al-Ahli Dschidda. Profifußballer zu sein ist seither auch ein Weg, um Verwandte aus Syrien herauszuholen. Zwei seiner Cousins starben im Bürgerkrieg.

Fußball ist die zweitgrößte Religion nach dem Islam

Diktaturen lieben und fürchten Fußball. Einerseits gibt er ihnen einen einzigartigen Zugriff auf emotionalisierte Massen, außerdem kann man mit keinem anderen Spiel seinen international ramponierten Ruf so schnell polieren. Andererseits bietet kaum ein anderer Sport ein so gutes Umfeld für Protest, gerade im Nahen Osten. Das iranische Regime vereinnahmt zwar die Erfolge der Nationalmannschaft, fürchtet aber die Fans, die nach Siegen gern mal ein "Tod den Mullahs" in die Jubelchöre mischen.

Die staatlichen Schlägertrupps des Mubarak-Regimes scheiterten 2011 auf dem Tahrir-Platz, weil schlachtenerprobte Ultras den Demonstranten zu Hilfe kamen. Als kurz darauf Hunderttausende Syrer ihre Fußballgesänge in Protesthymnen umwandelten, stoppte das Assad-Regime die laufende Spielsaison. Armeeeinheiten quartierten sich in Stadien ein, doch das Nationalteam trainierte weiter. Die westasiatischen Meisterschaften 2012 in Kuwait standen an, Syrien hatte zum ersten Mal überhaupt eine talentierte Mannschaft beisammen.

Wie überall in der Region ist Fußball auch in Syrien der populärste Massensport, die "zweitgrößte Religion nach dem Islam", wie es manche beschreiben. Und wie in fast jeder Diktatur haben Mächtige einzelne Vereine unter ihre Kontrolle gebracht. Zum Beispiel Tischrin Latakia, ein Verein aus der Heimatregion der Assads. Tischrins Präsident Fawas al-Assad, ein früherer Milizenführer und Onkel des Präsidenten, landete vor einem Spiel schon mal mit dem Hubschrauber auf dem Rasen, um dem Schiedsrichter das gewünschte Ergebnis mitzuteilen. Sein (krankheitsbedingter) Tod 2015 wurde selbst von Assad-loyalen Fußballfans mit Erleichterung aufgenommen.