Schiedsrichter sind im Fußball nebensächlich, könnte man meinen. Doch das Pokalspiel Leipzig gegen Bayern erinnerte daran, welche entscheidende Rolle den Schiedsrichtern zukommt. Felix Zwayer traf im Spiel mehrere Konzessionsentscheidungen. Er wollte Fehler pro Bayern mit Fehlern pro Leipzig wiedergutmachen. Nicht zum ersten Mal: Das Pokalviertelfinale zwischen Leverkusen und Bayern 2014 leitete er auf ähnliche Art. Dabei weiß ein guter Schiedsrichter, dass das nicht funktioniert.

Mats Hummels sprach nach dem Bayern-Sieg von der "Königin der Konzessionsentscheidungen". Leipzigs Trainer Ralph Hasenhüttl sprach vielen Fans, nicht nur aus Leipzig, aus dem Herzen: "Zwayer zerstörte das Spiel." Zum wiederholten Male legte Zwayer den Verdacht nahe, dass er zu mehr als Durchschnitt nicht fähig ist.

Es ist kein Zufall, dass diese Kritik nun lauter wird. Zwayer spielt eine Rolle im anhaltenden Konflikt in der deutschen Schiedsrichterszene. Im August hatte Manuel Gräfe, ein anderer deutscher Schiedsrichter, dem Tagesspiegel ein bemerkenswertes Interview gegeben. Dort nannte er auch Zwayer, der trotz seiner Verwicklung in den Hoyzer-Skandal im Jahr 2004 zum Spitzenmann aufgebaut wurde und den DFB auch international vertritt. Viele in der Szene wissen, dass er seit Jahren von der Führung überbewertet wird. "Kann es vielleicht sein", fragte Gräfe rhetorisch, "dass Fandel und Krug dort einen Mann haben wollten, der ihnen zu bedingungsloser Loyalität verpflichtet war?" Zwayer gab mit seiner Leistung in Leipzig Gräfe unfreiwillig recht.

Mobbing, Manipulation, Günstlingswirtschaft

Daran zeigt sich nun das Duell, das sich auf der Vorderbühne abspielt: Auf der einen Seite stehen Manuel Gräfe und Felix Brych, die zwei besten deutschen Schiedsrichter, auf der anderen Hellmut Krug und Herbert Fandel, die zwei Ex-Chefs der Schiris, die aber noch immer Einfluss haben. Fandel ist der deutsche Vertreter in der Uefa, Krug der DFB-Projektleiter Videobeweis.

Gräfe hat Fandel und Krug Mobbing, Manipulation und Günstlingswirtschaft vorgeworfen. Kritische Geister würden kleingehalten oder aussortiert, Jasager stattdessen befördert. Gräfe spricht nicht nur für sich. Anderen Schiedsrichtern, sagte er, sei der verdiente Aufstieg lange verwehrt geblieben, etwa Bibiana Steinhaus. Manche seien für ihre Fehler von den Chefs vorgeführt worden. Deutsche Schiris werden nicht oder zumindest nicht nur nach Qualität und Leistung bewertet. Über diese Missstände hatte ZEIT ONLINE vor etwa drei Jahren berichtet.

Seit August ist der Schiedsrichterstreit nicht zur Ruhe gekommen. Krug wehrte sich: "Es hat keine Mauscheleien gegeben und es wird auch keine geben", sagte er auf Sky. Fandel sagte der Bild am Sonntag: "Wenn sie eine Gruppe von achtzig Schiedsrichtern führen, in der jeder vor allem auch eigene Interessen verfolgt, kann man nicht erwarten, dass immer alle zufrieden sind." In der Sport Bild stand ein Artikel über Gräfe, der einem Rufmord nahekam. Die Informationen deuten darauf hin, dass der Artikel offenbar aus DFB-Kreisen gesteuert war. Die Bild will herausgefunden haben, dass Fandel andere Schiedsrichter anstacheln wollte, sich gegen Gräfe zu äußern – was nicht geschah.

Vier Szenarien, wie es weitergeht

Vorige Woche kam es nun unter Beteiligung des DFB-Vizepräsidenten Ronny Zimmermann und des DFB-Direktors Willi Hink zu einer Aussprache zwischen Krug und Fandel sowie Gräfe und Brych. Zu einer Einigung kam es nicht und wird es auch nicht kommen. Daher hat der DFB entschieden, die DFB-Ethikkommission einzuschalten. Nun ermittelt Klaus Kinkel, der 80-jährige Ex-Außenminister, der diesem jungen Gremium vorsteht.

Es gibt vier Szenarien: Es bleibt alles, wie es ist, und man wurschtelt so weiter. Das wäre nicht unüblich in einem Sportverband. Oder es gibt Konsequenzen für die Rebellen Gräfe und Brych, der immerhin im nächsten Jahr bei der WM in Russland pfeifen will. Möglich ist auch, drittens, dass Gräfe und Brych ihre eigenen Konsequenzen ziehen. Oder, viertens, das Verfahren läuft auf die endgültige Entmachtung von Fandel oder Krug hinaus, was Insider tatsächlich für das wahrscheinlichste Szenario halten.

Dafür spricht, dass die Ethikkommission eingeschaltet wurde. Auf sie wartet viel Arbeit: Will sie der Wahrheit nahekommen, muss sie nicht nur mit aktuellen Schiris, Linienrichtern und Beobachtern reden, sondern auch mit ehemaligen. Doch immerhin klärt die Schiriszene, die den Ruf eines Geheimbundes hat, erstmals ihre Probleme nicht unter sich. Dass nun die Ethiker Fragen stellen, ist auch ein Zeichen dafür, dass der DFB-Präsident Reinhard Grindel die Tragweite des Problems erkannt hat.

Und dann ist da ja noch der Videobeweis

Welche Folgen die Führungsprobleme haben können, zeigt das Beispiel Babak Rafati. 2011 unternahm der damalige Schiedsrichter im Hotel einen Suizidversuch, nur wenige Stunden vor dem Spiel. Anschließend machte er dafür ausdrücklich das Mobbing Krugs und Fandels verantwortlich. "Als Herbert Fandel mein neuer Chef wurde, habe ich keine Rückendeckung mehr bekommen", sagte er. "Ich war es gewohnt, sachliche Kritik zu erfahren, aber keine aus meiner Sicht persönlichen Verletzungen." Fandel und Krug bestritten die Vorwürfe, andere Schiedsrichter nahmen ihre damaligen Chefs in Schutz.

Doch jetzt bestätigen die Kritiker Rafatis Version. Brych und Gräfe sind nicht irgendwer, sondern die zwei besten deutschen Schiedsrichter. Brych pfiff das Champions-League-Finale in diesem Jahr. Gräfe, der auch den Fall Hoyzer aufgedeckt hat, gilt als beliebtester Schiri der Bundesliga, wegen seiner routinierten Art. Auch ein ehemaliger Schiedsrichterbeobachter meldete sich zu Wort: "Ich muss leider bestätigen, dass immer wieder und regelmäßig versucht wurde, Beobachtungen zu manipulieren." Leidtragender in diesem Fall war der in der Führung offenbar unbeliebte Bundesliga-Schiri Robert Hartmann.

Deutsche Schiris sind schlechter geworden

Die ganze Sache geht natürlich nicht nur Schiris an. Seit dieser Saison gibt es den Videobeweis, bei dem viel für den deutschen Fußball auf dem Spiel steht. Und die Schiris haben dieses schwierige Prestigeprojekt umzusetzen, da muss man zusammenhalten. Die ersten neun Spieltage haben aber längst bestätigt, dass auch mit neuer Technik Fehler passieren. Längst ist nicht allen klar, nicht mal den Männern mit der Pfeife selbst, wann er zum Einsatz kommt. Es gab wütende Kritik von Vereinsmanagern. Es gab auch peinliche technische Probleme. Mag sein, dass das Kinderkrankheiten sind. Aber zu verantworten hat sie der Projektleiter Krug. Unter seiner Führung macht der Videobeweis die Sache bislang für die Schiedsrichter nicht leichter und nicht gerechter.

Längst fällt es Trainern und Spielern auf, dass sich die deutschen Schiedsrichter in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. International kommen deutsche Schiris viel seltener zum Einsatz als vor zehn oder zwanzig Jahren. Auch diese Qualitätsdebatte müssen sich Fandel und Krug gefallen lassen.

Wen trifft es jetzt?

Der Konflikt, der nun wenigstens teilweise öffentlich ausgetragen wird, ist alt. Schon vor zwei Jahren sprach sich in einer anonymen Umfrage eine Mehrheit der Bundesliga-Schiedsrichter gegen Fandel, den damaligen Schiri-Chef des DFB, und Krug, den damaligen DFL-Verantwortlichen, aus. Das führte zu deren Absetzung. Seit Sommer 2016 sitzt Lutz Michael Fröhlich der Schirikommission des DFB vor. Einiges hat sich durch seinen diplomatischen Stil verbessert. Doch den radikalen Schnitt mit Fandel und Krug hat der DFB vermieden.

Jetzt könnte es zumindest Krug treffen, vermuten Leute aus der Szene. Er hat wenig Verbündete, auch unter Trainern und Managern. Auffällig ist, dass sich kein aktiver Schiri für ihn ausgesprochen hat, auch nicht für Fandel. Zudem hat Krug durch fragliche Regelauslegungen, die vielleicht taktischer Natur waren, wiederholt Zweifel an seinem Fußballverstand gesät.

Fandel und Krug wollten sich auf Anfragen von ZEIT ONLINE zum wiederholten Male nicht äußern. Würde ohne die beiden alles gut? "Die Grüppchenbildung wird bleiben", sagt ein Assistent, der lange dabei ist. Die Mehrheit der Schiris steht zwar hinter den Kritikern Brych und Gräfe, aber eben nicht alle. Es gibt nun mal auch Profiteure des Systems, nicht nur Zwayer. Sie verdanken ihren rasanten Aufstieg weniger ihrer Qualität als der Gunst von oben. Die Politik von Fandel und Krug hat Langzeitfolgen für die deutschen Schiedsrichter.