Dass dieses Duell mit ungleichen Mitteln ausgetragen wurde, sah man spätestens beim letzten Tor des Abends: Emre Can schoss den Ball aus 25 Metern mit einer derartigen Wucht ins Netz, dass Kamran Ağayev gar nicht mehr seine Fäuste hochbekam. Der Ball war so schnell unterwegs, man konnte froh sein, dass der Torhüter Aserbaidschans ihm nicht im Weg stand. Zuletzt hatte Michael Ballack 2008 gegen Österreich für Deutschland so fest geschossen, sein Freistoß damals fing auf dem Weg ins Tor fast Feuer.

Cans erstes Tor für Deutschland war Nummer 43 der DFB-Elf in der WM-Qualifikation, die mit dem 5:1 gegen Aserbaidschan zu Ende ging. Zehn Siege in zehn Spielen, dazu ein Torverhältnis von plus 39 – das ist Weltrekord. Da kann man nicht meckern, das kriegen nicht alle hin.

Italien, der Weltmeister von 2006, tut sich schwer auf dem Weg nach Russland, der aktuelle Europameister Portugal auch. Der WM-Finalist Argentinien bangt um die Endrunde. Holland, Dritter und Zweiter der beiden vergangenen Weltturniere, ist so gut wie raus, was das Publikum auf dem Betze zum ewig jungen Klassiker Ohne Holland fahr'n wir zur WM animierte. Nur Deutschland siegt und siegt.

Das Ergebnis klingt aber spektakulärer und aufregender, als das Spiel war, womit es typisch war für die gesamte deutsche Qualifikation, die wenig aussagt über die Titelchancen der Deutschen im nächsten Jahr. Es war eine schwache Gruppe, mit Nordirland als stärkstem Konkurrenten. Die Fußballnation Tschechien hat zurzeit keinen guten Jahrgang. Sieht man vom 6:0 gegen Norwegen vor wenigen Wochen ab, genügten den Deutschen durchschnittliche Leistungen.

Mittel- gegen Schwergewichtler

Auch in Kaiserslautern durften sie sich viele Ungenauigkeiten erlauben, ohne dass diese bestraft wurden. Schließlich waren die Deutschen ihren Widersachern aber physisch derart überlegen, also schneller, härter, schusskräftiger, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Gäste aus Aserbaidschan überrannt wurden. Technisch erwiesen sich die drei Offensiven Richard Almeida, Ramil Sheydayew und ganz besonders Kapitän Rahid Amirgulijew sogar als überlegen. Aber insgesamt war das wie ein Boxkampf zwischen einem Mittel- und einem Schwergewichtler.

Das deutsche Team kam zu einem hohen Sieg, obwohl keiner richtig gut spielte. Bernd Leno konnte einen Schuss ins kurze Eck nicht abwehren, sehr zur Freude der stets aktiven aserbaidschanischen Fans, und hatte Probleme beim Spielaufbau. Antonio Rüdiger ließ sich vom Torschützen Sheydayew abschütteln. Dem Mittelfeld unterliefen Fehlpässe in Serie. Von Lars Stindl und Thomas Müller kam nicht viel. Leroy Sané schoss noch aus vier Metern acht daneben. Julian Brandt misslang lange fast alles.

Die erste Halbzeit war aus deutscher Sicht sehr schwach. In der zweiten wurde es immerhin schneller und druckvoller, es fielen Tore, manche auf krummen Wegen. Beim 2:1 durch Sandro Wagner musste die Torlinientechnik helfen. Das 3:1 war ein Eigentor, das 5:1 ein unplatzierter Distanzschuss. Immerhin das 4:1 folgte auf eine gute Kombination.

Der Hit des Abends war das 1:0 durch Leon Goretzka, das große Begeisterung bei den ohnehin lebhaften Zuschauern auslöste. Dem Schalker plumpste der Ball hinter die Füße, rasch nahm er die Hacke und hebelte den Ball in den Torwinkel. Die Deutschen schossen rückwärts fester als die Aseris vorwärts. Goretzkas nie dagewesene Darbietung zeitigte Nachahmungseffekte, fortan versuchten es einige seiner Mitspieler auch mit dem Hinterteil des Fußes. Es wurden billige Kopien.

Verbrechen statt Fußball

Dieses Spiel verpassen durfte man aber vor allem mit gutem Gewissen aus diesem Grund: Für die Gäste spielte Javid Hüseynov, ein verurteilter, aber wieder freigelassener Verbrecher, der in ein Tötungsdelikt verwickelt ist. Gemäß einer Recherche des WDR hatte Hüseynov bei einem Spiel seines Vereins Fans von Zypern mit einer türkischen Flagge provoziert. Für diese Aktion rügte ihn der regimekritische Journalist Rasim Aliyew, den der Spieler schließlich in ein Café von Baku einlud, angeblich um sich versöhnen. Doch es war ein Hinterhalt, dort wartete ein Schlägertrupp auf den Journalisten, darunter Hüseynovs Cousin. Sie traten Aliyew noch, als er schon am Boden lag. Ein paar Tage später starb er im Krankenhaus. Wegen Beihilfe zur schweren Körperverletzung mit Todesfolge wurde Hüseynov zu vier Jahren Haft verurteilt, die aber später auf 14 Monate reduziert wurde. Er kam sogar noch früher frei.

In Kaiserslautern spielte Hüseynov rund 70 Minuten, dann wurde er ausgewechselt. Der DFB-Präsident Reinhard Grindel sagte vor dem Spiel, er fordere die Regierung Aserbaidschans auf, "für rückhaltlose Aufklärung zu sorgen". Es ist sehr fraglich, ob sich Präsident Ilham Alijew davon beeindrucken lässt. Der Präsident Aserbaidschans, nicht verwandt oder verschwägert mit dem Fotografen, regiert das Land seit anderthalb Jahrzehnten autokratisch: Die Pressefreiheit ist stark eingeschränkt, Oppositionelle werden eingesperrt. Die trauernden Eltern des toten Journalisten Rasim Aliyew beklagen Willkürjustiz in Aserbaidschan und fordern Gerechtigkeit. Er hinterlässt eine Verlobte.

Fußballer Hüseynov profitiert wohl davon, dass der Staatschef den Sport zur Propaganda nutzt. Die Europaspiele 2015 fanden in der Hauptstadt Baku statt, die Formel 1 gastiert dort regelmäßig, in Baku werden auch vier Spiele der Fußball-EM 2020 ausgetragen, darunter ein Viertelfinale. Zahlt man ordentlich an Sportverbände, schauen die über vieles hinweg.