Als sich Schalke 04 in der vergangenen Woche nach zweieinhalb Jahren erstmals wieder in der Tabelle vor Borussia Dortmund drängte, schickte der Vorstandsvorsitzende Clemens Tönnies gleich eine Kampfansage an die Nachbarn: "Wir wollen auch langfristig wieder vor Dortmund stehen", sagte der Unternehmer im Interview mit dem Kicker. Vielen Beobachtern erschien die Aussage lächerlich: Der erst einen Spieltag alte zweite Platz in der Bundesliga war die beste Platzierung der Gelsenkirchener seit fünf Jahren.

Doch die Provokation fand Gehör: Der Geschäftsführer von Borussia Dortmund Hans-Joachim "Aki" Watzke, reagierte prompt. Von einer Wachablösung könne man nicht reden. "Wenn ich (…) auf die letzten zehn Jahre gucke, haben wir zwei Meistertitel und zwei Pokalsiege geholt und in der Liga fast 100 Punkte mehr gesammelt", erinnerte er den Konkurrenten im Interview mit der Sport Bild.

Aber am Samstagabend, als das Revierderby gerade zu Ende gespielt war, war es Tönnies, der triumphierend durch die Mixed Zone im Stadiontrakt lief. "Wird heute noch gefeiert?", fragte ein Reporter. "Was glaubst du denn!", antwortete Tönnies. Von Watzke war dagegen nichts zu hören. Stattdessen kommentierte BVB-Manager Michael Zorc später das Spiel so: "Wir sind fassungslos über die zweite Halbzeit. Das müssen wir jetzt erst einmal verdauen."

80.000 Zuschauer hatten am Samstagnachmittag im Dortmunder Signal-Iduna-Park ein streckenweise überragendes Fußballspiel von beiden Mannschaften gesehen. Bereits nach 25. Minuten führte Dortmund mit 4:0. Das schwarz-gelbe Meer im Stadion sang: "Hey, hey, wer nicht hüpft, ist Schalker." Dann drehte der Wind. Dortmund brach ein, das Spiel endete mit 4:4. Nur noch die Schalker Fans hüpften, im Gästeblock. Aus der Gelben Wand, der Borussia-Fankurve, ertönte ein gellendes Pfeifkonzert für die eigene Mannschaft.

Wie konnte das passieren? "Das darf nicht passieren", stammelte Peter Bosz. "Wir haben in der zweiten Halbzeit keinen klaren Fußball mehr gespielt." Die Schwarzgelben spielten zum dritten Mal innerhalb von neun Tagen eine schwache zweite Halbzeit und gaben so eine eigentlich sicher geglaubte Partie aus der Hand. In Europa wie in der heimischen Liga hat man den Anschluss an die Spitze verloren. Der Pokalsieger von 2017 steckt in der Krise.

Traumhafter Beginn für Dortmund

Dabei hatte das Spiel aus Dortmunder Sicht traumhaft begonnen. Schalkes Trainer Domenico Tedesco, dessen Fußallphilosophie es ist, den Gegner permanent auf dem falschen Fuß zu erwischen, musste schnell feststellen, dass nicht seine Mannschaft überrumpelte, sondern überrumpelt wurde: "Wir haben die Dreierkette nicht erwartet. Wir waren überrascht von der Spieleröffnung", räumte Tedesco nach dem Spiel ein.

Von der allgemeinen Verunsicherung der Borussia, die seit Ende September kein Spiel mehr gewinnen konnte, war zu Beginn wenig zu sehen. Dortmund trat aggressiv und wach auf, Trainer Bosz hatte eine eher defensive Aufstellung gewählt: Vor seiner Dreierkette, die aus Ömer Toprak, Sokratis und Marcel Schmelzer bestand, spielte mit Julian Weigl und dem zuletzt auf die Bank verbannten Nuri Sahin eine Doppelsechs. Für den perfekten Auftakt sorgte der zuletzt häufig kritisierte Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang, der nach zwölf Minuten den Ball mit Wucht ins Tor grätschte. Nach einem Eigentor des Schalkers Benjamin Stambouli, der einen Freistoß von Nuri Sahin unhaltbar an Schalkes Torwart Ralf Fährmann vorbeigelenkt hatte, war Aubameyang auch an den nächsten beiden Treffern für Dortmund beteiligt. In der 20. Minute flankte er präzise auf den mitgelaufenen Götze, der das 3:0 köpfte. Das 4:0 fiel durch einen abgeblockten Schuss Aubameyangs, den Raphaël Guerreiro mit einem Volleyschuss ins lange Eck unhaltbar für Fährmann verwertete.

Doch der Torschützenkönig der vergangenen Saison sollte zum tragischen Held an diesem Nachmittag werden: In der 56. Minute hatte Aubameyang das 5:0 auf dem Fuß, scheiterte am Schalker Torwart Fährmann, der noch zur Ecke klären konnte. Eine Viertelstunde später – Schalke hatte bereits das 4:2 geschossen – mähte der bereits verwarnte Aubameyang Schalkes Amine Harit bei einem Konter der Knappen plump um und musste mit Gelb-Rot vom Platz. Spätestens jetzt war jedem im Stadion klar, dass das Spiel für Dortmund noch nicht entschieden ist.