Wow! Das Tempo der neuen DFB-Ethikkommission ist wirklich beachtlich: Am Montag begann sie mit den Ermittlungen im deutschen Schiedsrichterstreit. Am Freitag gab sie bereits ihr Ergebnis bekannt. Und das in der Woche des Reformationsjubiläums. Sie arbeitet wohl auch an Feiertagen.

Ironie aus: Die Kommission hatte Aufklärung versprochen, mancher Schiedsrichter setzte Hoffnung in sie – und ist nun fassungslos, weil er nicht mal seine Sicht vortragen darf. Die Neugier der Ethikkommission darüber, was wirklich schiefläuft bei den deutschen Schiris, hielt sich in Grenzen. Vielleicht stand ihr Ergebnis schon vorher fest.

Es hätte viel zu fragen gegeben in diesem komplizierten Fall. Auf der einen Seite sind die Kritiker, die aktiven Schiedsrichter Manuel Gräfe und Felix Brych, auf der anderen die ehemaligen Schirichefs Herbert Fandel und Hellmut Krug. Brych und Gräfe werfen Fandel und Krug Manipulation, Günstlingswirtschaft und Machtmissbrauch vor. Dadurch hätten sie das Leistungsprinzip ausgeschaltet.

Ob diese schweren Vorwürfe zutreffen, dazu äußerten sich der DFB und seine Ethikkommission nicht. Vieles deutet darauf hin, dass sie nicht frei erfunden sind. Dennoch steht ein Urteil: Alle werden ein bisschen bestraft, aber so richtig weh tut es niemandem. Fandel und Krug werden formal degradiert, bleiben aber einflussreich. Und der Revoluzzer Gräfe darf zwar weiterpfeifen, aber nicht mehr Videoassistent sein – ohne dass der DFB diese seltsame Einschränkung begründen würde.

Kritische Schiris sollen in Zukunft schweigen

Außerdem "wird sich Manuel Gräfe über interne Sachverhalte und über Kollegen nicht mehr unabgestimmt in der Öffentlichkeit äußern", wie es in der Presseerklärung des DFB schulmeisterlich heißt. Sinngemäß gibt der Verband Gräfe zwar zumindest teilweise recht, sonst würden Krug und Fandel ja nicht bestraft. Er soll aber den Mund halten. Von Schiedsrichtern wird erwartet, dass sie vor 70.000 Zuschauern in der 90. Minuten gegen Bayern einen Elfmeter geben. Aber das System dürfen sie nicht infrage stellen. Wenn dem DFB nach solchen Entscheidungen an Stammtischen und in Fankurven das polemische Etikett der Fußballmafia angeheftet wird, darf er sich nicht beschweren.

Gräfe klärte vor zwölf Jahren den Hoyzer-Skandal mit auf; wer seinen Werdegang verfolgt, wäre nicht überrascht, wenn er sich an das Redeverbot nicht hält. Aber abgesehen von für den DFB offenbar irrelevanten Grundrechten wie Meinungsfreiheit: An den Missständen, die Gräfe und Brych bezeugt haben – womit sie manch anderem Schiedsrichter aus dem Herzen sprechen –, ändert die Entscheidung des DFB nichts.

Das ist leichtfertig, denn es geht um Menschen. Der ehemalige Schiedsrichter Babak Rafati unternahm vor sechs Jahren einen Suizidversuch. Später machte er Fandel und Krug dafür verantwortlich, bezichtigte beide des Mobbings. Brych und Gräfe, die beiden besten deutschen Schiedsrichter, haben nun Rafati vielleicht nicht in allen Punkten recht gegeben, seine Vorwürfe aber im Prinzip bestätigt. Auch ein ehemaliger Schiribeobachter tat dies.

Dann gibt es noch Aufregerthemen. Der DFB ist kurz davor, sein Prestigeprojekt Videobeweis in den Sand zu setzen. Die Kritik mancher Manager ist berechtigt: Der Videoassistent greift zu stark, zu oft und zu willkürlich ein. Kommuniziert wird gar nicht, und wenn, dann nicht offen. Der DFB hat es noch nicht geschafft, die neue Technik so einzusetzen, dass die Pfiffe besser und gerechter werden. Bislang gab es regelrecht Profiteure unter den Vereinen. Der Verantwortliche für den Videobeweis ist Krug.

Schnelle, "politische" Lösung

Außerdem zweifeln einige Bundesligaschiris und ihr Umfeld an der Sehstärke von Fandel und Krug – angesichts mancher Schiedsrichter, die sie bis an die Spitze beförderten. Sie warnen, die Personalpolitik der beiden könnte zu einem weiteren Niveauverlust führen. Es ist schwer zu begreifen, warum der DFB an den beiden ehemaligen Führungskräften festhält. Oder warum er nicht wenigstens die Kritik an ihnen entkräftet.

Ein schwaches Bild gibt auch Klaus Kinkel ab, der ehemalige Außenminister und Chef der Ethikkommission. Ein Mobbingsystem aufzudecken nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Da muss man mit vielen Leuten reden, auch mit Ehemaligen und frühzeitig Ausgeschiedenen. Das hielt Kinkel nicht für nötig, stattdessen fand er eine schnelle, "politische" Lösung. Die Ethikkommission bestätigt gleich in ihrem ersten Fall ihre Skeptiker, die in ihr ein Feigenblatt sehen.