ZEIT ONLINE: Herr Wieschemann, Ihre Mandanten, die russischen Skilangläufer Alexander Legkow und Jewgeni Below, sind vom IOC lebenslang von Olympischen Spielen ausgeschlossen worden. Warum legen Sie vor dem Internationalen Sportgerichtshof Berufung gegen das Urteil ein? 

Christof Wieschemann: Weil ihre Schuld nicht bewiesen ist und sie deswegen als unschuldig gelten. So ist das in einem Rechtsstaat. 

ZEIT ONLINE: Der McLaren-Report der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hat belegt: In Russland gab es ein staatlich gelenktes Doping-System, von dem die beiden auch profitiert haben könnten. 

Wieschemann: Ich kenne beide Teile des Reports bis in die tiefsten Details. Er belastet nicht die einzelnen Athleten. Wenn es um deren individuelles Verschulden geht, liest man oft Passiv- und Konjunktivsätze. Gegen einen meiner Mandanten liegt gar nichts Belastendes vor, gegen den anderen auch keine Beweise, nicht mal Indizien, die eine Sanktion rechtfertigen. 

ZEIT ONLINE: Was entgegnet das IOC? 

Wieschemann: Die vom IOC mit den Ermittlungen über eine Beteiligung einzelner Athleten beauftragte Oswald-Kommission hat immer wieder beteuert, nur aufgrund verlässlicher Beweise Verurteilungen auszusprechen. Doch nach Beweisen, die einen Tatbeitrag meiner beider Mandanten belegen, hat sie nicht gesucht, auch nicht nach Entlastendem. Ich bin über das IOC baff erstaunt. 

ZEIT ONLINE: War der Prozess wenigstens fair? 

Wieschemann: Nein, das Urteil stand offenbar schon vorher fest. Aus juristischer Sicht gab es viele Mängel: formale Verstöße, viel zu kurze Fristen, fragliche Zulassungen. Auf meine zahlreichen Anregungen in den vergangenen Monaten hat das IOC nicht mal geantwortet. Da wird von Gerechtigkeit und Transparenz geredet, doch Ermittlungen, die Wahrheit herauszufinden, hat es nie angestrebt. Das ist Betrug an der Sportöffentlichkeit und sehr frustrierend für einen Verteidiger, der noch immer an das Prinzip glaubt, dass man nur jemanden schuldig sprechen kann, wenn man einen notwendigen Grad der Gewissheit erlangt hat. Vielleicht bin ich ja naiv. 

ZEIT ONLINE: Sie haben die Entscheidung des IOC in einem Interview als ein "politisches Urteil" kritisiert. Sie vermuten, es wolle Härte gegenüber Russen demonstrieren, simulieren – um an anderer Stelle Milde walten zu lassen. 

Wieschemann: Die Empörung über das russische Massendoping in der Sportwelt ist groß, daher gibt es einen hohen Sanktionsdruck. Nun bestraft das IOC als Erstes die einzelnen Athleten allein wegen der Vermutung, sie könnten von dem System möglicherweise profitiert haben. Dabei weiß das IOC genau, dass nicht alle "geschützten" Athleten auch wirklich Doping verwendet haben. Das kann nicht mal das IOC selbst gerecht finden. 

ZEIT ONLINE:Wladimir Putin hält den McLaren-Report für Westpropaganda. Wie schätzen Sie die Ergebnisse des Berichts ein?