Frau Thaiss, Kinder können nicht mehr rückwärts gehen, bewegen sich zu wenig und sind motorisch generell mangelhaft. Was ist dran und was ist Übertreibung?

Heidrun Thaiss: Leider ist an der überspitzten Aussage schon etwas dran. In Deutschland gibt es erhebliche Defizite im grob- und feinmotorischen Bereich bei Kindern, in der Koordination und es gibt auch viele übergewichtige Kinder hierzulande.

Können Sie die Probleme genauer skizzieren?

Thaiss: Es gibt viele Studien, nicht zuletzt die Daten der Schuleingangsuntersuchungen, in denen die motorisch-kognitiven Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter aufgezeigt werden. Es geht darin um grobmotorische Fähigkeiten wie zum Beispiel auf einem Bein stehen, seitwärts hüpfen, rückwärts gehen oder auf einem schmalen Gegenstand balancieren. Aber auch um feinmotorische Bewegungen wie zum Beispiel verschiedene Bausteine in bestimmte Formen einzufügen.

Heidrun M. Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) © Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Köln

Was kam zuletzt dabei raus?

Thaiss: Nimmt man etwa die Schuleingangsuntersuchung von Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2014/15, dann sind die Resultate alarmierend. Jedes fünfte Kind hatte darin motorische Auffälligkeiten. Die Ergebnisse deckten sich im Wesentlichen mit denen der bundesweiten Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) des Robert-Koch-Institutes aus dem Jahr 2007. Danach konnten 86 Prozent der Kinder- und Jugendlichen nicht eine Minute auf einem Bein stehen, über 40 Prozent kamen mit den Händen nach einer Rumpfbeuge nicht auf den Boden. Das sind Resultate, die uns aufhorchen lassen.

Hängt das mit dem Übergewicht zusammen?

Thaiss: Das korrespondiert natürlich mit den Problemen. Übergewicht und Adipositas im Kindesalter weisen auf einen alarmierenden Trend in Deutschland. Übergewicht ist ein Vorläufer von Diabetes Mellitus Typ 2, dem sogenannten Alterszucker. Wir haben 10-15 Prozent übergewichtige und adipöse Kinder in Deutschland, und wenige, die an Diabetes Mellitus 2 leiden.

Woran liegt das?

Thaiss: Dafür gibt es viele Gründe. Bewegungsmangel ist einer davon. Wir sprechen immer von der Trias Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung, die entscheidend ist.

Welche Verantwortung tragen die Eltern?

Thaiss: Natürlich eine große. Sie sind die Vorbilder, sie schaffen ganz wesentlich das Umfeld der Kinder. Aber sorgenvoll betrachten wir den Umstand, dass der Trend dahingeht, dass viele Kinder nicht vor der Einschulung, sondern danach, also ab dem Schulalter Übergewicht entwickeln.

War es früher besser mit dem Übergewicht und der Beweglichkeit der Kinder in Deutschland?

Thaiss: Ja, das war es. Im Vergleich zu den Jahren 1975 bis 2006 fand bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland ein Rückgang der motorischen Kompetenzen um zehn Prozent statt. Das ist enorm. Seit etwa zehn Jahren befinden wir uns auf einem gleichbleibenden Niveau. Das ist, so gesehen, schon einmal positiv.

Warum ist es zu einem solchen Rückgang gekommen?

Thaiss: Das liegt an einer Veränderung unserer Umgebung. Die Tagesabläufe haben sich gewandelt. Die Mediatisierung der Gesellschaft hat auch und gerade unsere Kinder erreicht. Im Gegensatz zu früher findet nun vieles im Virtuellen, im Sitzen statt. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, der wir entgegensteuern müssen.

Was muss passieren?

Thaiss: Es muss viel passieren und es sind alle gefordert. Die Eltern müssen ihren Kindern die Lust an der Bewegung vermitteln, die Entscheidungsträger müssen die Eltern auf die Bedeutung der Thematik aufmerksam machen und die Kommunen und Stadtplaner müssen ein Umfeld schaffen, das Bewegung fördert.

Und die Schulen?

Thaiss: Es reicht nicht aus, wenn die Schulen zwei oder drei Stunden Sport in der Woche im Lehrplan haben. Das ist zu wenig. Wünschenswert wäre, wenn außerhalb des Sportunterrichts Bewegungseinheiten im Schulalltag integriert würden. Das können kurze Dehn- oder Streckübungen sein oder dass man einfach mal zusammen eine Runde über den Schulhof läuft.

Ist der Schulsport in seiner gegenwärtigen Form, in der der Fokus auf Zeiten und Weiten liegt, noch zeitgemäß?

Thaiss: Der Schulsport wird sehr differenziert durchgeführt. Grundsätzlich lässt sich aber schon sagen, dass es wünschenswert ist, dass der Schulsport nicht zu Frustrationserlebnissen führen darf. Wer hinter den anderen zurückbleibt, als Letzter in eine Mannschaft gewählt wird, vergisst das mitunter sein Leben lang nicht. Diese Erlebnisse sind für viele so einschneidend, dass Bewegung zeitlebens negativ verknüpft ist.

Können dann noch talentierte Kinder gefördert werden?

Thaiss: Diese Kinder sollen eine entsprechende Förderung erfahren, ohne dass die motorisch weniger Begabten mit Angstschweiß zum Schulsport gehen. Beides muss möglich sein.

Was können die Tage des Kinderturnens, die an diesem Wochenende stattfinden, leisten?

Thaiss: Er kann auf die hier diskutierte Thematik aufmerksam machen, er kann Kinder, Eltern, Lehrer und Politiker weiter für dieses Thema sensibilisieren. Er kann zudem für die zahlreichen Angebote werben, die es in den Vereinen gibt. Und der Tag des Kinderturnens bietet den Turnvereinen die Möglichkeit, Netzwerke zu bilden. Zum Beispiel mit Schulen. Die Vereine haben häufig das Problem, dass sie nicht an die Kinder herankommen, weil viele von ihnen in Ganztagsschulen sind. Deswegen müssen die Vereine versuchen, mit den Schulen zu kooperieren.