Die Fußballjustiz bestraft zunächst, dass Fans beider Lager Pyrotechnik abbrennen. Zündeln ist in deutschen Stadien verboten, deshalb ermittelt der zuständige Fußballverband. Für die Regionalliga Nordost ist der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) zuständig. Cottbus wird mit 16.000 Euro und einem Geisterspiel bestraft. Der Club geht allerdings erfolgreich in Berufung: Die Strafe wird auf 6.000 Euro reduziert, das Geisterspiel zur Bewährung ausgesetzt, nur zum nächsten Spiel in Babelsberg dürfen keine Cottbuser Fans anreisen. Hätte der Verein ein Heimspiel vor leeren Rängen austragen müssen, hätte er selbst mit etwa 100.000 Euro weniger Einnahmen gerechnet.

Auch Babelsberg wird bestraft: 7.000 Euro kostet sie das Spiel. Auch sie gehen in Berufung, denn aus ihrer Sicht enthält ihr Urteil im Gegensatz zu dem der Cottbuser ein seltsames Detail. Begründet wird die Strafe für Babelsberg unter anderem so: Eine "Person mit rotem Punkerhaarschnitt" habe in Richtung des Cottbuser Fanblocks "Nazischweine raus" gerufen. So hat es der Schiedsrichter im Spielbericht festgehalten, das Sportgericht hat es offenbar von dort übernommen. Es ist der einzige Ruf von den Rängen, der im Spielbericht auftaucht. Die antisemitischen Gesänge aus dem Cottbuser Block fehlen. "Das ist dieses Detail, was uns zutiefst getroffen und verärgert hat", sagt Horlitz. Die Strafen für Pyrotechnik akzeptiere man natürlich. Aber Nazis-raus-Rufe als Grund für eine Strafe?

Reinhard Grindel reagierte

Das Verbandsgericht bleibt dabei und weist den ersten Berufungsantrag zurück. Aus formalen Gründen. Auf der Berufungsschrift aus Babelsberg habe eine Unterschrift gefehlt, da könne man nichts machen. In der Vergangenheit habe der Vereinsstempel immer ausgereicht, sagt Horlitz. Das gültige Urteil, das vom Verband kam, war namentlich übrigens auch nicht unterschrieben.

Seitdem hat Babelsberg vergeblich versucht, das Verfahren wieder aufnehmen zu lassen. "Es ist so frappierend und so offensichtlich, was hier passiert", sagt Horlitz. Er glaubt, der Verband versucht sich aus der Sache mit juristischen Spitzfindigkeiten herauszustehlen. "Unter keinen Umständen werden wir hinnehmen, dass das Urteil in dieser Form Bestand hat." Horlitz hat einen offenen Brief an den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel geschrieben.

Im Brief an Grindel bittet Horlitz den DFB, für seine Werte einzustehen und all jene zu unterstützen, die diese Werte und Haltungen in Fußballstadien verteidigen. Nach dem Spiel der Nationalmannschaft in Prag, bei dem deutsche Nazis im Block aufgefallen waren, hatte Grindel gesagt, man werde niemals faschistische, rassistische, beleidigende oder homophobe Schlachtrufe dulden. Nun könnte er diejenigen stärken, die das vorleben.

Nazis raus als Urteilsbegründung

Wenige Stunden, nachdem der Brief an den DFB-Präsidenten öffentlich ist, meldet sich der NOFV, der Teil des DFB ist, mit einer Gegendarstellung bei den Babelsbergern. Darin weist er einige Behauptungen der Babelsberger zurück. "Nazischweine raus" habe für das Strafmaß keine Rolle gespielt. Es stehe nur deshalb in der Urteilsbegründung, weil es der vollständigen Darstellung des Sachverhalts diene. Bloß: In der Begründung findet es sich gleich unter Punkt 1 wieder.

Dass die rechten Cottbuser Gesänge an keiner Stelle auftauchen, erklärt der Verband so: Allein die Pyrotechnik beider Fanlager seien Grundlage der Verfahren gewesen. Aber warum ist dann "Nazischweine raus" Teil der Urteilsbegründung, "Zecken, Zigeuner und Juden – Babelsberg 03" aus dem Cottbuser Block aber zum Beispiel nicht, obwohl die Rufe gut dokumentiert sind? Der Nazi, der den Hitlergruß zeigte, wurde Anfang September von einem ordentlichen Gericht zu einer Strafe von 3.600 Euro verurteilt. Für das Sportgericht spielte das keine Rolle. Warum nicht? Guckt es links genauer hin als rechts? Daran jedenfalls glauben die Babelsberger mittlerweile.

Der NOFV schreibt in einer Antwort, er vertraue auf die hohe fachliche und soziale Kompetenz seiner Rechtsorgane. DFB-Präsident Grindel kündigte in seiner Antwort auf den offenen Brief an, der Richter Stephan Oberholz werde das Verfahren gegen Cottbus erneut aufnehmen. Oberholz war auch der Richter, der das bis heute gültige Babelsberger Urteil sprach. Die Babelsberger hatten gehofft, Grindel würde sich dafür aussprechen, ihr Verfahren neu aufzunehmen. Vergeblich.

Nun haben sie Klage vor dem Schiedsgericht eingereicht. Es ist wohl ihre letzte Chance. Der Babelsberger Anwalt hat in einem ähnlichen Fall, in dem ein Sportgericht eine Formalie als Verfahrensfehler auslegte, schon mal ein Verfahren gewonnen.