ZEIT ONLINE: Frau Rulofs, die Gesellschaft debattiert über #MeToo und sexuelle Gewalt. Das Thema spielt auch im Sport eine Rolle. Gegen den ehemaligen Teamarzt der US-Turnerinnen liegen 130 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs vor. Im österreichischen Skisport wird gerade über sexuellen Missbrauch geredet und das sind nur die jüngsten Fälle. Ist Sport gar prädestiniert für sexuelle Gewalt?

Bettina Rulofs: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Was wir aber auf Basis einer Studie sagen können, ist, dass Athletinnen und Athleten durchaus in beträchtlichem Ausmaß von sexualisierter Gewalt betroffen sind. In einer gemeinsamen Studie des Universitätsklinikums Ulm und der Deutschen Sporthochschule Köln haben wir 1.800 Kaderathleten und -athletinnen befragt. 54 Prozent haben angegeben, sexualisierte Gewalterfahrungen innerhalb oder außerhalb des Sports gemacht zu haben. Das ist ein recht hoher Prozentsatz. 37 Prozent der Befragten gaben an, sexualisierte Gewalt im Kontext des Sports erlebt zu haben. 11 Prozent waren von schwerer, also körperlicher sexualisierter Gewalt, und/oder länger dauernden sexuellen Belästigungen im Sport betroffen. Der sportliche ist nicht immer leicht vom privaten Bereich zu trennen. Wenn zum Beispiel der Trainer der Täter ist, kann es sein, dass er auch mit dem Privatleben der Sportlerin oder des Sportlers eng verwoben ist.

ZEIT ONLINE: Was macht Sport anfällig für solche Formen von Gewalt?

Rulofs: Auf der einen Seite ist der Sport ein Feld, in dem junge Leute Stärke, Kraft und ein gesundes Körperbewusstsein entwickeln können. Dadurch können sie sich auch vor sexuellen Übergriffen schützen. Auf der anderen Seite steht im Sport der Körper im Zentrum. Für Trainer oder Betreuer gibt es viele Möglichkeiten, Zugriff auf den Körper zu bekommen. Mitunter sind es Vorwände, den Körper kontrollieren zu müssen, unter denen Kinder dann in ein Missbrauchsverhältnis gezogen werden: "Ich muss mal fühlen, wie stark deine Muskeln geworden sind." Oder: "Ich muss mal messen, wie dein Körper gewachsen ist." Das findet hinter verschlossenen Türen zwischen Trainer und Athletin statt.

ZEIT ONLINE: Die Körperlichkeit des Sports wird also zum Problem.

Rulofs: Sie kann zum Problem werden. Zumal die Disziplinierung des Körpers auch eine Rolle spielt. Sportlerinnen und Sportler sind nicht selten bereit, über ihre Grenzen zu gehen, auch wenn es um die Gesundheit geht. Wir haben in den Fällen sexueller Gewalt, in denen wir tiefergehend nachgeforscht haben, immer wieder gehört: Mir ist das nicht aufgefallen, ich habe das einfach ausgehalten, das war für mich normal. Diese Grenzüberschreitung wird womöglich in dem System Sport eher toleriert als anderswo.

ZEIT ONLINE: Ist die Abhängigkeit zwischen Trainern und Sportler auch ein Thema?

Rulofs: Ja. Sowohl die Sportler als auch die Trainer möchten gemeinsam Erfolg haben. Wenn in dieses Abhängigkeitsverhältnis sexuelle Gewalt reinspielt, werden Übergriffe nicht so schnell aufgedeckt. Man braucht einander noch auf dem weiteren sportlichen Weg.

ZEIT ONLINE: Bedingt Autorität Missbrauch?

Rulofs: Überall da, wo Autorität und Macht eine Rolle spielen, können diese missbraucht werden. Deshalb findet sexueller Missbrauch immer noch am häufigsten im Kontext der Familie statt, da haben Eltern Macht gegenüber ihren Kindern. Im Sport gibt es diese Machtverhältnisse auch. Ich würde aber nicht sagen, dass der Sport aufgrund dieser Machtstrukturen besonders anfällig ist, weil solche Ordnungsverhältnisse auch in anderen gesellschaftlichen Systemen existieren, zum Beispiel in der Schule. Im Sport spielen aber die Geschlechterverhältnisse eine besondere Rolle. Trainer oder andere Führungspositionen sind noch einmal deutlich mehr mit Männern besetzt. Sexualisierte Gewalt im Sport findet wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen am häufigsten von Männern gegenüber Frauen und Mädchen statt. 48 Prozent der befragten Athletinnen haben schon mal sexualisierte Gewalt im Sport erlebt. Da spielt es auch eine Rolle, dass in den Machtpositionen häufiger Männer sind. Wir dürfen jedoch nicht vernachlässigen, dass es auch sexuelle Gewalt gegen männliche Athleten gibt. In unserer Studie gaben dies immerhin 23 Prozent der befragten Männer an. Hier kommt etwas ins Spiel, das wir in der Soziologie hegemoniale Männlichkeit nennen. Das heißt, dass es auch in Männergruppen Hierarchien gibt, die über sexualisierte Belästigung, sexuell konnotierte Sprüche und ritualisierte Gewaltpraktiken umgesetzt werden.