Innsbruck, Innsbruck, Innsbruck und Innsbruck und noch sechsmal Innsbruck. Die Frage nach dem Ausgang der österreichischen Volleyball-Meisterschaft barg in den vergangenen zwölf Jahren in etwa so viel Spannung wie Wahlabende in Nordkorea. Das dachten sie sich irgendwann sogar beim Serienmeister aus Innsbruck, dessen Funktionäre und Fans sich in ihrer angestammten Sportumgebung fürchterlich langweilten.

Der Platzhirsch suchte nach echten Rivalen, doch in Österreich zwischen Donau und Bodensee war weit und breit kein ebenbürtiger Gegner in Sicht. Und so sinnierte der Klubmäzen und -Präsident Hannes Kronthaler in der vergangenen Saison ganz offensiv darüber, das Engagement mangels Gänsehaut und Herzrasen im Kampf um die landesweite Volleyballspitze schlichtweg einzustellen.

Doch schaut man dieser Tage nach Innsbruck, schmettern immer noch erstklassige Spieler die Bälle durch die Luft. Dazu sind die Ränge voller denn je und alle Beteiligten freuen sich irgendwie wahnsinnig darüber, endlich wieder verlieren zu können. Was ist da bloß passiert? Nun, auf der anderen Seite des Netzes stehen nicht mehr Aich/Dob oder Waldviertel, sondern Düren oder Friedrichshafen, und an diesem Mittwoch Berlin. Innsbruck gehört seit diesem Jahr zu Deutschland. Zumindest im Volleyball.

Seattle liegt nicht in Kanada

Diese Grenzverschiebung dürfte das Sportverständnis hierzulande erheblich erschüttern. Wenn der deutsche Sportenthusiast von seinem Hobby je eines gelernt hat, was ihn in der Schule abseits des Sportunterrichts weiterbringt, dann, dass sich die Grenzen der Topligen an den Hoheitsgebieten der europäischen Nationalstaaten orientieren. Länderübergreifend bezeugen Erdkundelehrer, dass überdurchschnittlich viele Sportfans wüssten, dass die Fußballer von West Ham in einem Arbeiterviertel im Osten Londons beheimatet sein und Seattle nicht in Kanada liegt.

Doch dieses eherne Prinzip droht aufgedröselt zu werden, sollte die Lex Innsbruck Schule machen. Bleibt die Frage, ob dieser Wandel dem Sport zum Guten oder Schlechten gereicht. Wenn man die Innsbrucker Volleyballer darauf antworten lässt, fällt das Resümee eindeutig aus. "Im letzten Saisonfinale fanden vielleicht 100, 150 Zuschauer die Halle – und da wurden wir Meister. Jetzt hatten wir allein beim ersten Spiel in der Deutschen Liga 700 Besucher", sagt Pressesprecher Christian Sigl. Gegen Düren kamen sogar 1000.

Die Tiroler sind ganz offensichtlich zufrieden mit ihrem Grenzübertritt. Nur wie ist das überhaupt möglich? Schließlich beschützen die jeweiligen Nationalverbände ihre eigenen Hoheitsgebiete seit jeher in gegenseitigem Einvernehmen frei nach dem Motto: Nimm du unsere Topklubs nicht weg, dann tun wir es auch nicht.

Dass es im Falle der Tiroler Volleyballer trotzdem geschehen ist, ist einem doppelten Husarenstück zu verdanken. Die Stichworte heißen Wild Card und Joint Venture. Ersteres ist seit letztem Jahr ein Projekt der Deutschen Volleyball-Bundesliga, um finanzkräftige Investoren und Regionen in die erste Liga zu locken. In den vergangenen Jahren weigerten sich nämlich zahlreiche sportliche Aufsteiger auch wirklich aufzusteigen, weil sie keine Sponsoren hatten, die die notwendigen 500.000 Euro pro Saison aufbringen konnten.

Das Joint Venture wiederum war notwendig, damit Innsbruck rein technisch zu Deutschland gehört. Deswegen taten sie sich mit dem einstmaligen Erstligisten aus Unterhaching zusammen. Seitdem heißt Innsbruck nämlich nicht mehr Innsbruck, sondern offiziell Hypo Tirol Alpenvolleys Haching. Das ändert freilich nichts daran, dass das Gros der Heimspiele in den Bergen und nicht im Münchener Speckgürtel ausgetragen wird. Auch kommt fast die ganze Sponsoringkraft aus dem Nachbarland.

Vergleich mit Red Bull

Mit der internationalen Volte sind aber längst nicht alle in der Volleyballwelt zufrieden. Da wäre zum Beispiel Goswin Caro, der Sportdirektor des rheinischen Erstliga-Urgesteins Düren, der sich aber gar nicht so sehr über die österreichische Komponente aufregt. "Unterhaching wird über den Klee hinweg gelobt, weil sie das Projekt mit Tirol eingegangen sind. Dabei haben sie der Liga vor nicht einmal drei Jahren den Rücken gekehrt, weil sie sich zu fein waren, um Platz fünf oder sechs mitzuspielen", sagt Caro. "Kein Hachinger wird auf dem Spielfeld stehen, denn der Verein ist fast 100 Prozent Tirol. Trotzdem heimst der Verein Lorbeeren ein."

Im Alpenland sieht das der Pressesprecher des Joint Venture naturgemäß anders, auch wenn der das Mismatch einräumt. "Wir wollen in den nächsten Jahren mehr Österreicher und Deutsche aufs Feld holen", sagt Sigl. "Die fehlen in dieser Saison, aber aufgrund der kurzfristigen Entscheidungen waren alle infrage kommenden Spieler schon andernorts vertraglich festgeeist. Aber es ist richtig: Tirol hat noch den Bärenanteil bei den Alpenvolleys. Doch das Projekt ist auf einem guten Weg und kommt bei den Hachingern sehr gut an."