Dass meine Heimatstadt Mönchengladbach mal eine Wintersportmetropole werden würde, hätte ich wirklich nicht gedacht. Aber wenn demnächst sogar olympische Winterspiele im pfannenbodenflachen Peking stattfinden können, warum dann nicht ein Ski- und Snowboard-Weltcup am Niederrhein, wo die Kopfweiden den Nebel über den Rübenäckern fegen?

Als es noch richtige Winter gab, haben wir auf dem zugefrorenen Holtmühlenweiher Eishockey gespielt. Und gerodelt bin ich hier auch schon, am Monte Scherbelino, gegenüber vom Hauptfriedhof. Der Monte ist natürlich kein echter Berg. Es handelt sich um einen gewaltigen Schutthaufen, zusammengeschoben aus Kriegstrümmern. Aber auch wenn die Stadt zu 65 Prozent zerstört war und der Haufen entsprechend hoch ist – für echten Wintersport reicht es zugegebenermaßen doch nicht ganz.

Weil aber auch eine Fußballhochburg von Winterwonderland träumt, hat man ein bisschen nachgeholfen. Aus 300 Tonnen Stahlgerüst und 1.000 Kubikmeter Kunstschnee, angeliefert von der Skihalle im benachbarten Neuss, haben drei Dutzend Arbeiter in zwei Wochen aus 30.000 Einzelteilen eine Schanze von olympischen Dimensionen gebaut, 50 Meter hoch, 120 Meter lang. Ein gewaltiges Trumm, auf das jedes echte Wintersportmekka neidisch sein kann. Wie eine Kathedrale erhebt es sich über den Parkplätzen, auf denen an Bundesligaspieltagen die Autos der Borussenfans stehen.

Ein wackliger Lastenaufzug bringt die Athleten hinauf zur Startplattform, auf der sich wegen der wahrhaft winterlichen Temperaturen schon eine dünne Eisschicht gebildet hat. Der Blick hinab ist furchteinflößend; das Ende des Auslaufs ist wegen dichten Nebels kaum zu sehen. Hier fährt man nicht einfach los, sondern stürzt sich fast wie im freien Fall seinem Schicksal entgegen.

Eine Flugshow am Rande des Wahnsinns

Big Air heißt der Sport der Furchtlosen, die oft genug spirrelige Milchgesichter sind (der jüngste Teilnehmer ist ein 15-jähriger Japaner). Bei den kommenden Winterspielen in Südkorea wird die Disziplin für Snowboarder erstmals olympisch sein, und nach Stationen in Mailand und Peking geht es nun in der Weltstadt Mönchengladbach um Olympiatickets. Eine Flugshow am Rande des Wahnsinns, die nach vier Kriterien bewertet wird: Schwierigkeit des Sprungs, Ausführung, Flugweite und -höhe sowie Landung – auf Englisch, was rund um den Wettbewerb alle sprechen, Deal (difficulty, execution, amplitude, landing). Eigentlich mag das Internationale Olympische Komitee ja keine Wertungssportarten mehr, in denen Kampfrichter Punkte vergeben, weil da zu viel geschummelt und bestochen werden kann. Aber wer sagt schon Nein zu etwas, das so zuverlässig bringt, was die Olympier am meisten brauchen: junge Zuschauer?

Bei den TV-Einschaltquoten liegen die Freestyle-Wettbewerbe längst vor den klassischen alpinen Disziplinen. Und live ist ein Big-Air-Event weit mehr als bloß ein Sportwettkampf. Die Veranstaltung in Gladbach ist als Festival annonciert, beide Tage werden mit Konzerten (mit dem Rapper Cro und der Band Kraftklub) und anschließender After-Show-Party beendet. Mehrere Tausend Zuschauer tanzen, jubeln, kreischen zwei Nachmittage und zwei Nächte durch.  

"Gladiatorensnowboarding" sei das, sagt Silvia Mittermüller, und die muss es wissen. Die beste deutsche Big-Air-Artistin hat mit ihren 34 Jahren im Laufe ihrer Karriere schon eine Menge gesehen. Aber über so eine Monsterrampe brettert auch sie erst zum dritten Mal; bislang hat sie insgesamt gerade mal rund 30 Sprünge von solchen Dimensionen absolviert.