Tagesspiegel: Kommt Ihnen manchmal auch der Gedanke: Für uns Fußballer mit unseren Verdienstmöglichkeiten sollte es eigentlich selbstverständlich sein, Menschen zu helfen, denen es nicht so gut geht?

Esswein: Ob es selbstverständlich sein muss, darüber will ich mir kein Urteil erlauben. Für mich ist es selbstverständlich. Aber ich will auf niemanden einreden, so dass er nur aus schlechtem Gewissen mitmacht. Wenn man das nicht aus vollem Herzen macht, fühlt sich das für mich nicht richtig an. Meine Einstellung ist, dass es jeder selbst wissen und entscheiden muss. Trotzdem fände ich es natürlich gut, wenn so viele wie möglich mitmachen.

Tagesspiegel: Haben Sie für sich den Anspruch, ein guter Mensch zu sein?

Esswein: Auf jeden Fall. Aber ich glaube, diesen Anspruch haben viele. Wir Fußballprofis mit unseren finanziellen Möglichkeiten haben auch eine Verantwortung. Wenn ich so viel Geld zur Verfügung habe, will ich auch etwas Gutes damit tun.

Tagesspiegel: Sie haben Ihrer Mutter mal einen Porsche zum Geburtstag geschenkt. Sind Sie generell ein großzügiger Mensch?

Esswein: Nicht, dass Sie denken, das sei normal bei uns! Seitdem ich denken kann, hat meine Mutter gesagt, dass das ihr Traumauto ist. Sie verdient selbst auch sehr gut, aber sie hätte sich dieses Auto nie und nimmer gekauft. Ich wollte ihr einfach eine Freude machen – dafür hat es sich gelohnt.

Tagesspiegel: Viele Fußballprofis verdienen mit 18 oder 19 von einem Tag auf den anderen mehr als Ihre Eltern. Wird man auf diese Verantwortung ausreichend vorbereitet?

Esswein: Grundsätzlich glaube ich, dass ich mit 18 oder 19 auch nicht auf die Idee gekommen wäre, bei Common Goal mitzumachen oder für soziale Zwecke zu spenden. Es gibt bestimmt Ausnahmen, die in dem Alter schon so reif sind. Ich war es nicht. Das hat sich bei mir auch erst entwickelt. Die Geburt meiner Tochter war noch einmal ein wichtiger Anstoß. Sie hat einfach meine Sicht auf alle Dinge verändert. Generell hat der verantwortliche Umgang mit Geld etwas mit Erziehung zu tun. Meinen Eltern war es immer wichtig, dass ich bodenständig bin und bleibe. Sie haben gesagt: "Wenn dich jemand respektiert, respektiere du ihn auch." Wenn man das von zu Hause mitbekommen hat, sollte man auch verantwortungsvoll mit Geld umgehen können. Ich hatte aber auch Glück, denke ich.

Tagesspiegel: Hat es auch etwas mit Ihrem Glauben zu tun?

Esswein: Das glaube ich schon. Wobei es nicht so ist, dass meine Eltern mich beispielsweise früher aufgefordert haben, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Das hat sich entwickelt. Mit 14 oder 15 habe ich mich gar nicht mit Religion befasst. Bis ich festgestellt habe, dass es mich beruhigt, wenn ich abends mal in die Kirche gehe, Zeit für mich habe und in Ruhe über bestimmte Dinge nachdenken kann. Es tut gut zu wissen: Da ist jemand, der glaubt immer an dich. Gerade wenn dich ein schweres Ereignis trifft oder du Hilfe brauchst und du vielleicht nicht mit deiner Mutter oder deiner Frau darüber reden kannst.

Wir Fußballprofis mit unseren finanziellen Möglichkeiten haben auch eine Verantwortung.
Alexander Esswein, Fußballprofi bei Hertha BSC

Tagesspiegel:Es ist also nicht so, dass Sie als Kind explizit katholisch sozialisiert worden sind?

Esswein: Überhaupt nicht. Wir sind früher eigentlich nie in die Kirche gegangen, nur zu Weihnachten. Bei meiner Frau ist das anders. Die ist schon in der Kindheit sehr christlich geprägt worden. Ihre Mutter geht heute noch jede Woche zwei bis drei Mal in die Kirche. Meine Frau und ihre Geschwister mussten auch jeden Sonntag in die Messe, das hat sie bis heute beibehalten.

Tagesspiegel: Sie waren dann vermutlich auch kein Messdiener?

Esswein: Nein, nie. Das hätte mich als Jugendlicher auch nicht glücklich gemacht.

Tagesspiegel: Wann haben Sie den Glauben für sich entdeckt?

Esswein: Mit dem Wechsel nach Wolfsburg, würde ich sagen. Da war ich 17, 18. Das heißt nicht, dass ich damals jede Woche zwei Mal zum Gottesdienst gegangen bin, aber ich habe angefangen, mich mit der Religion zu beschäftigen, habe mal in der Bibel gelesen. So wurde bei mir mehr und mehr das Interesse geweckt, und der Glaube wurde immer stärker.

Tagesspiegel: Sie haben in einem Interview erzählt, dass Sie versuchen, einmal in der Woche in die Kirche zu gehen.

Esswein: Genau.

Tagesspiegel: Besuchen Sie dann in einen Gottesdienst? Oder gehen Sie in die Kirche, um für sich zu sein und alleine zu beten?

Esswein: Das ist unterschiedlich. Manchmal will ich Zeit für mich haben, und manchmal gehe ich auch in den Gottesdienst. Hier in Berlin gibt es häufiger Gottesdienste als es in anderen Städten der Fall war, in denen ich bisher gelebt habe. In Augsburg oder in meiner Heimat gibt es einen Gottesdienst am Tag. Hier kannst du morgens um acht Uhr gehen, um zehn und um sechzehn Uhr auch wieder.

Tagesspiegel:Viele lehnen die Kirche als Institution ab.

Esswein: Es gibt bestimmt Leute, die nicht in der Kirche sind und trotzdem an Gott glauben. Du brauchst die Kirche nicht unbedingt. Wenn du beten willst, kannst du das überall tun. Bei mir geht es darum: In der Kirche habe ich meine Ruhe, zwischen Tür und Angel finde ich diese Ruhe nicht. Aber das muss jeder für sich selbst herausfinden. Meine Frau betet auch oft, aber sie geht vermutlich weniger in die Kirche als ich.

Tagesspiegel: Wie stellen Sie sich Gott vor?

Esswein: Ob Mann oder Frau, Bart oder Haare, groß oder klein – ich habe kein Bild von Gott. Ich brauche auch keine Vorstellung. Gott ist für mich eine Stimme, ein Zeichen. Wichtig ist, dass ich eine Verbindung spüre.

Ob Mann oder Frau, Bart oder Haare, groß oder klein – ich habe kein Bild von Gott.
Alexander Esswein, Fußballprofi bei Hertha BSC

Tagesspiegel: Haben Sie hier in Berlin eine feste Gemeinde?

Esswein: Wir gehen immer in die Hedwigs-Kathedrale, in der Nähe vom Gendarmenmarkt.

Tagesspiegel: Werden Sie da gelegentlich erkannt?

Esswein: Nein, gar nicht. Das wäre mir auch peinlich.

Tagesspiegel: Das heißt: Sie haben auch nicht das Gefühl, dass die Leute erstaunt sind, Sie in der Kirche zu sehen

Esswein: Warum sollten die Leute erstaunt sein? Ich werde mit Sicherheit nicht der einzige Bundesligaspieler sein, der in die Kirche geht. Der Glaube ist ja für jeden Menschen gleich, egal ob er in der Öffentlichkeit steht oder nicht.

Tagesspiegel: Können Sie konkret benennen, was Ihnen der Glaube gibt?

Esswein: Auf jeden Fall Kraft, und das in verschiedenen Situationen. Man geht wahrscheinlich öfter in die Kirche, wenn man gerade Hilfe braucht, nicht weiß, wie es weitergehen soll oder wenn man über Sachen nachgrübelt. Es gibt mir einfach Ruhe, es gibt mir Zeit zum Abschalten. Man führt sozusagen ein Gespräch, ohne eine wirkliche Antwort zu kriegen. Das beruhigt mich und tut mir gut.

Tagesspiegel: Wofür beten Sie? Vermutlich nicht für den Sieg im nächsten Spiel.

Esswein: Ehrlich gesagt habe ich, wenn ich in die Kirche gehe, noch nie einen Gedanken an Fußball verschwendet. Ich bete für meine Familie. Ich bete für alltägliche Dinge. Bedanke mich für alltägliche Dinge.

Tagesspiegel: Reden Fußballer untereinander über den Glauben?

Esswein: Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich würde auch niemanden fragen, warum er betet oder wofür er betet. Das ist privat. Ich brauche im Fußball keine Hilfe von oben. Ich bekreuzige mich auch nicht, wenn ich ein Tor geschossen habe. Aber das muss jeder selbst wissen. Vielleicht gibt es anderen gerade Mut und Stärke auf dem Platz. Für mich sind das zwei verschiedene Dinge.