ZEIT ONLINE: Herr Brandt, ist Fußball noch ein einfaches Spiel?

Julian Brandt: Finde ich schon. Vermutlich werden mir jetzt all die Experten, die das Spiel in seine statistischen Einzelteile zerlegen oder mit Begriffen wie Packing um sich werfen, widersprechen, aber am Ende des Tages geht es doch immer noch darum, ob deine Mannschaft ein Tor mehr als die andere geschossen hat. Und dann interessiert es auch niemanden mehr, wie viele Gegner Julian Brandt oder sonst wer zuvor überspielt. Fußball ist Ergebnissport. Fußball ist einfach.

ZEIT ONLINE: Was ist mit all den taktischen Veränderungen der vergangenen Jahre?

Brandt: Ich spiele jetzt seit mehr als 15 Jahren Fußball und finde nicht, dass sich wirklich was verändert hat. Sie etwa?

ZEIT ONLINE: Sie sind der Profi.

Brandt: Mir fällt keine bedeutende Regelneuerung ein, die das Spiel grundlegend verändert hätte. Vermutlich war meine größte Umstellung die vom Klein- aufs Großfeld, weil da auf einmal elf gegen elf spielten. Und natürlich wurden die Mit- und Gegenspieler immer besser und es damit immer schwerer, Erfolg zu haben. Aber sonst ist das Spiel gleich geblieben. Nimm den Ball, schieß ihn ins Tor und gewinne. So einfach ist das.

ZEIT ONLINE: Kein Fan von Taktiktüfteleien?

Brandt: Taktik ist schon wichtig, weil wir sonst noch immer wie in der F-Jugend spielen würden: alle dem Ball hinterher. Das macht ja wenig Sinn. Aber für mich sind taktische Vorgaben die Idee des Trainers, wie er sich vorstellt, wie du zu spielen hast. Daran kann man sich orientieren, aber man sollte sich nicht zu sehr darauf fixieren. Letztlich sind es doch wir Spieler, die auf dem Platz stehen, und Fußball ist vor allem immer noch Inspiration, Kreativität – und Spaß.

ZEIT ONLINE: Sieht das Ihr Trainer genauso?

Brandt: Ich bin mir sicher, dass er meine Ansicht nachvollziehen kann. Er war ja früher auch Spieler. (Leverkusens Trainer Heiko Herrlich schoss 74 Tore in 258 Bundesligapartien; Anm. d. Red.)

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich in den vergangenen Jahren verändert?

Brandt: Sehr sogar. Ich würde behaupten, dass ich in der Jugend ein ganz anderer Spieler war. Die körperliche Entwicklung brauche ich nicht anzusprechen; in dieser Hinsicht immer besser zu werden, sollte für einen Profi Pflicht sein. Ich meine eher die Veränderung im Kopf. Ich habe gelernt, viel schneller zu denken und zu handeln und gleichzeitig in den entscheidenden Situationen cool zu bleiben. Wenn ich früher ein Risiko eingegangen bin, beispielsweise ein gewagtes Dribbling, dann habe ich es immer und immer wieder versucht. Wenn es klappte, wurde ich gefeiert, ging es in die Hose, war ich der Loser. Inzwischen bin ich viel sicherer geworden – am Ball und in meiner Spielweise. Ich erkenne die Verantwortung, die ein Spieler auf meiner Position hat und die lautet: Sorge dafür, dass der Ball nicht verloren geht, beziehungsweise dass der Angriff erfolgreich abgeschlossen wird.

ZEIT ONLINE: Wo erkennen Sie noch eine positive Entwicklung?

Brandt: Ich bin heute sehr zufrieden mit meinem schwächeren linken Fuß. Ich würde mich zwar nicht als beidfüßig bezeichnen, aber ich bin nah dran. Richtig Fortschritte habe ich beim peripheren Sehen gemacht, allgemein in der Übersicht. Das ist ja vor allem eine Frage der Erfahrung. Im Fußball hat der einen Vorteil, der schneller handelt. In Sachen Sprintvermögen habe ich mein Maximum erreicht, da geht nichts mehr. Aber wie der Kopf die Situationen verarbeitet und die richtigen Befehle in die Füße sendet, daran kann man immer weiter arbeiten.

ZEIT ONLINE: Verraten Sie unseren Lesern, unter denen es sicher auch viele Amateurkicker gibt, wie Sie Ihren schwächeren Fuß trainieren?

Brandt: Damit habe ich schon in der E-Jugend angefangen. Im Training zwang ich mich, nur den linken Fuß zu benutzen. Das klingt nach früher Professionalisierung, war aber einfach nur ein großer Spaß. Wenn ich erst jetzt, mit 21, anfangen würde, meinen schwachen Fuß zu trainieren, dann wäre es zu spät. Aber ich feile natürlich weiter daran. Irgendwann fing ich an, automatisch mit dem Linken zu schießen, einfach, weil ich das nötige Vertrauen und die Sicherheit im Fuß hatte.

ZEIT ONLINE: Früher galten Spieler wie Andreas Brehme als Spezialisten, weil sie links wie rechts schießen konnten. Geht man damit heutzutage noch als Spezialist durch?

Brandt: Nein. Spitzenspieler können es sich nicht mehr erlauben, das eine Bein nur zum Stehen zu haben.