Sie kamen mit einem schwarzen Kombi. In der Nacht auf den Montag fuhr der Wagen auf der A4 bei Düren links an den von Deniz Naki heran. Die Schüsse schlugen in der Mitte des Wagens und am Reifen ein, dann gab der Fahrer wieder Gas. Der Fußballprofi Naki rollte sich auf den Beifahrersitz und wich auf den Seitenstreifen aus, blieb aber unverletzt. Der Angriff wirkte gezielt, womöglich sollte es eine letzte Warnung sein. Noch ist das Motiv der Täter unklar, doch man muss vom Schlimmsten ausgehen: Naki sollte sterben. "Ich hatte Todesangst", sagte er. Die Staatsanwaltschaft hat eine Mordkommission gebildet, will sich aber zu den unbekannten Tätern vorerst nicht weiter äußern. "Ich glaube, dass es hier um eine politische Sache geht. Ich bin in der Türkei eine laufende Zielscheibe, weil ich mich prokurdisch äußere", sagte Naki zum Nachrichtenportal Bento.

Naki ist ein Fußballer aus der dritten türkischen Liga. Wohl kein Fußballprofi in Europa lebt derzeit gefährlicher. Für Erdoğan ist er ein Staatsfeind, weil er sich für die Rechte der Kurden stark macht, gegen die der Präsident im Südosten des Landes einen Krieg führt. Naki kennt die Anfeindungen, die Drohungen, die Schläge. Doch Schüsse auf ihn in Deutschland, das ist auch für ihn neu.

Auf dem Feld verprügelt worden

Nicht zum ersten Mal wird er gejagt. Als Naki während der Belagerung von Kobanê im Sommer 2014 sich mit den dort lebenden Kurden solidarisierte, wurde er bepöbelt, auf der Straße angegriffen und geschlagen. Von seinem damaligen Erstligaclub Gençlerbirliği fühlte er sich im Stich gelassen, kündigte den Vertrag und wechselte zu Amedspor.

Er spielt in der kurdischen Provinz Diyarbakır für Amedspor, der heimlichen Nationalmannschaft der Kurden. Die Vereinsfarben sind identisch zur kurdischen Flagge, was die Spieler bei Erdoğan-treuen Türken zum Feind macht. Bei Auswärtsspielen werden sie regelmäßig als Terroristen beschimpft.

Im Frühjahr 2016 hatte er der Opfer der Angriffe des türkischen Militärs auf die PKK-Hochburgen in einem Facebook-Post gedacht. Der Verband sperrte ihn für zwölf Spiele, der Staat klagte ihn wegen Terrorpropaganda für die verbotene Arbeiterpartei PKK an. Im ersten Verfahren wurde er freigesprochen, kurz vor Erdoğans Verfassungsreferendum im April 2017 aber begann der Prozess von vorn. Und endete anders: Naki erhielt 18 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. "Was mit Deniz Naki gerade passiert, ist mit den Prinzipien eines Rechtsstaates nicht zu vereinbaren", sagte der damalige Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu.

Als die neue Saison im Sommer 2017 begann, spielte Naki mit seinem Club in Mersin. Gästefans von Amedspor waren nicht erlaubt, wohl aber Schläger des Heimteams. Während des Spiels wurde Naki von einem Zuschauer auf dem Platz getreten und geschlagen.