Plötzlich fallen sie auch bei den Handballern, diese scharfen Sätze, hinter denen sich Sportler gerne verstecken, wenn es eng wird: "Wir werden euch nicht den Gefallen tun, das nächste Spiel zu verlieren", sagte der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes (DHB) Bob Hanning zu den mitgereisten Reportern. Bundestrainer Christian Prokop beantwortete die Frage nach dem Druck und der vermeintlichen Verunsicherung in seiner Mannschaft so: "Wenn man jetzt noch zehn Mal darauf hinweist und darüber berichtet, wird die Verunsicherung noch größer werden."

Das deutsche Team, der Titelverteidiger, ist bei dieser Europameisterschaft in Kroatien auffällig dünnhäutig. Am Mittwoch steht das entscheidende Duell gegen Spanien an (20.30 Uhr, ZDF). Gewinnen sie, ist der Halbfinaleinzug sicher. Es wäre ein Sieg, der womöglich die Reaktionen beenden würden, die Spieler und Teambetreuer des DHB so noch nie bei einem Turnier gezeigt hatten: Ihr gegen uns, wir gegen den Rest der Welt. Oder wenigstens gegen den Rest Europas. Verlieren die Deutschen aber, sind sie raus. 

"Will diesen Mist nicht mehr hören"

Wann genau die Stimmung kippte, ist schwer zu rekonstruieren. Es muss irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Vorrundenspiel passiert sein, zwischen den Spielen gegen Slowenien und Mazedonien, die für Deutschlands Handball-Nationalmannschaft vergangene Woche beide 25 zu 25 endeten. Es waren wohl diese beiden sehr launigen und dramatischen Remis des Titelverteidigers, in denen eine Lücke zwischen der Erwartungshaltung und der Realität entstand, die bis zum entscheidenden Spiel bei dieser Europameisterschaft heute anhält.

Man werde zum Teil extrem ungerecht behandelt, sagen sie beim DHB und beklagen mangelnden Respekt: "Ich will diesen Mist nicht mehr hören, dass wir alles allein entscheiden und den Trainer außen vor lassen", sagte Torhüter Silvio Heinevetter.

Das war einer der härtesten Vorwürfe: Man spiele gegen den Trainer. Irgendwie kann einem Christian Prokop in diesen Tagen fast ein wenig leidtun, obwohl er das höchste sportliche Amt im deutschen Handball bekleidet. Bei der EM, dem ersten großen Turnier des 39-Jährigen, wird er scharf beobachtet, jede seiner Gesten wird gedeutet, jedes Zucken bewertet, die Trainer der Bundesliga zu Hause debattieren über seine langen, oft sehr taktisch geprägten Auszeiten. Ob das gut geht?

Seit der Vorrunde, die Deutschland mit nur einem Sieg und zwei Remis überstand, muss sich das Team eher kritische als wohlmeinende Fragen gefallen lassen. Auffällig hart gehen die übertragenden Reporter der Öffentlich-Rechtlichen mit den Handballern um. Die Fußballriege von ARD und ZDF würde sich diese Analysen wohl nicht zutrauen.

Die Ziele haben sie sich selbst gesteckt

Schafft der Titelverteidiger den Einzug in die Runde der letzten vier, werden sie das beim DHB als akzeptablen Erfolg verkaufen. Schafft er es nicht, haben die Handballer ihre selbst gesteckten Ziele verfehlt, die sie sich nach dem EM-Triumph und Olympia-Bronze 2016 gaben. Auch wenn der Bundestrainer recht hat, wenn er oft darauf hinweist, wie eng die Leistungsdichte bei einer EM im Gegensatz zur Weltmeisterschaft ist: Etwa die Hälfte der 16 Teilnehmer hat das Halbfinale als Ziel ausgegeben.

"Die Situation ist überhaupt nicht mit dem Titelgewinn vor zwei Jahren vergleichbar", sagt Prokop, "damals hat sich die Mannschaft aus einer ganz geringen Erwartungshaltung in einen Rausch gespielt und alle überrascht." Im Januar 2018 sind die Deutschen die Gejagten. "Wir dürfen nicht erwarten, dass wir jeden Gegner mit zehn Toren wegknallen", sagt Rückraumspieler Paul Drux, der mittlerweile wegen einer Knieverletzung abreiste.