ZEIT ONLINE: Wie finden Sie die viel beachtete jüngste ARD-Dokumentation über Doping in Russland und die Lücken im Kontrollsystem der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada?

Fritz Sörgel: Sehr wichtig. Ohne insbesondere investigativen Journalismus wären wir heute noch in den Siebzigern. Hajo Seppelt hat sich um den sauberen Sport verdient gemacht.

ZEIT ONLINE: Man könnte, gut eine Woche vor Beginn der Olympischen Winterspiele, den Eindruck gewinnen, im Sport wird alles immer schlimmer. Oder wissen wir heute bloß mehr?

Sörgel: Es ist in der Tat so, dass wir heute einfach mehr wissen. Das ist in vielen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens nicht anders. Im Sport aber besonders, weil die Aufmerksamkeit für Sportskandale größer ist als noch vor Jahrzehnten. Und die Digitalisierung macht Details verfügbar wie nie zuvor. Enthüllungen werden leichter, aber auch aufwendiger, weil Zuschauer und Leser mehr erwarten, den digitalen Beweis, das Bild, die E-Mail.

ZEIT ONLINE: Jetzt, wo man weiß, dass selbst Journalisten Dopingproben manipulieren können – kann man Dopingtests sein lassen?

Sörgel: Nein. Das würde ja bedeuten, dass man dann kapituliert, wenn etwas nicht funktioniert. Wie in der Technik muss man die Tests und die Nachweisverfahren im Antidopingkampf immer weiter entwickeln. Das viel zitierte Rennen zwischen Hase und Igel.

Der Pharmakologe Fritz Sörgel leitet das Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg und ist einer der führenden deutschen Antidoping-Kämpfer. © Daniel Karmann/dpa

ZEIT ONLINE: Das IOC hat zu den Berichten über kaputte Verschlüsse auf den Testflaschen fast nichts gesagt. Wie sollte es reagieren?

Sörgel: Das IOC gibt die Frage an die Wada weiter, nach dem Motto: ist nicht unsere Aufgabe. Es ist aber durchaus die Verantwortung des IOC, wenn eingekaufte Leistungen oder eingekaufte Technik nicht funktionieren. Dann muss man Konkurrenzprodukte prüfen oder andere Instrumente versuchen. Auch wenn das IOC gerne den gemeinnützigen Verband gibt, ist es eine Riesenfirma und muss sich entsprechend professionell verhalten. Wir dürfen nicht zulassen, dass es sich herausredet.

ZEIT ONLINE: Wer dopt alles? Wie viele? Nur die Russen?

Sörgel: Ich nehme das Wort Dunkelziffer in seiner wörtlichen Bedeutung und spekuliere nicht gerne. Natürlich wird keiner allen Ernstes behaupten, dass nur die Russen dopen. Und keineswegs gibt oder gab es nur in Russland Staatsdoping. Nur ist eben das Land so groß und ihr Herrscher ob seines Charakters so bekannt, dass es mehr Aufmerksamkeit der Journalisten und der Weltöffentlichkeit auf sich zieht, als wenn das Gleiche in Guatemala passiert. Guatemala nenne ich deswegen, weil Richard Pound, IOC-Mitglied und -Kritiker sowie früherer Präsident der Wada, diesen Vergleich herangezogen hat. Er sagte, Guatemala wäre natürlich gesperrt worden, wenn es sich die gleichen Verstöße wie Russland erlaubt hätte.

ZEIT ONLINE: Von der Wada hört man auch nichts. Wovon träumt sie eigentlich?

Sörgel: Das weiß ich auch nicht. Völlig inakzeptabel ist die Doppelfunktion von Craig Reedie als Wada-Präsident und Mitglied des IOC Executive Board. Die Wada hat nach meinem Verständnis auch das IOC zu kontrollieren. Sie ist längst ein sportpolitischer Laden geworden, der von vielen Kräften beeinflusst wird.

ZEIT ONLINE: Wie viele Medaillen von Pyeongchang werden nach den Spielen wieder zurückgegeben?

Sörgel: Die Rückgabe von Medaillen gehört spätestens seit Peking 2008 dazu, das wird nach Pyeongchang nicht anders sein. Man ist geneigt zu sagen, es werden weniger. Doch sofort ertappt man sich bei seiner Naivität und korrigiert sich: Warum sollte es in Pyeongchang weniger Betrug geben?

ZEIT ONLINE: Inzwischen müsste der Letzte verstanden haben, dass Sport Politik ist. Der Erfolg in Sotschi 2014 habe Putin aggressiv gemacht, sagt der russische Whistleblower Grigori Rodtschenkow mit Blick auf die Krim-Annexion. Und Putin sei in das russische Staatsdoping involviert gewesen, habe davon gewusst. Kennen Sie einen Menschen, den das überrascht?

Sörgel: Das dürfte – gemessen an seinem jüngsten Interview – nur Herrn Hoeneß überraschen. Der meint jetzt, sich auch zu weltpolitischen Fragen äußern zu müssen. Vermutlich kann er sich eine Verwicklung Putins in Russlands Doping nicht vorstellen.