Da stand er nun, Thomas Dreßen, im Zieleinlauf von Kitzbühel und versuchte zu erklären, was gerade passiert war: "Ich habe es erst gar nicht glauben können. Ich habe gemeint, die wollen mich verarschen." Erst zum zweiten Mal war er auf der schwersten und berühmtesten Weltcupstrecke angetreten: Im vergangenen Jahr schied er sowohl in der Abfahrt als auch im Super-G in Kitzbühel aus. "Meine relativ geringe Erfahrung konnte ich durch ein intensives Videostudium der Fahrlinien der Topfahrer wettmachen." 

So bescheiden sind wohl nur wenige Sieger der Streif aufgetreten. Dreßen ließ am Samstag die gesamte Weltspitze hinter sich. Mit der Startnummer 19, eigentlich kein Vorteil in der Abfahrt, heute aber wegen der spät aufkommenden Sonne eine Hilfe, schoss er an den markanten Stellen der Streif vorbei: Mausefalle, Karussell, Steilhang, Lärchenschuss, Hausbergkante. Überall leuchtete eine grüne Bestzeit auf, zeitweise lag er eine halbe Sekunde vorne. Im Ziel dann: zwei Zehntel Vorsprung auf den Schweizer Beat Feuz, Dritter wurde der Österreicher Hannes Reichelt. Es war Dreßens erster Weltcupsieg überhaupt. 

Nun ist es eher selten, dass die drei Aplenländer gemeinsam auf einem Abfahrtspodium stehen. Dass ein Deutscher aber das Königsrennen der Saison gewinnt, das gab es das erste Mal 1965 durch Ludwig Leitner; und dann noch nur zweimal, 1978 und 1979, durch Sepp Ferstl, den Vater des anderen deutschen Abfahrers Josef Ferstl, der am Samstag 20. wurde.

Das gefährlichste Rennen der Welt

Das Rennen den Hahnenkamm hinunter gilt als das gefährlichste der Welt. Allein beim 60 Meter weiten Sprung die Mausefalle hinunter wirken auf die Athleten bei der Landung Kräfte von bis zu 10 G auf der teils knüppelharten Piste, die mit zigtausend Litern Wasser künstlich vereist wurde. Zum Vergleich: Die Astronauten in der Apollo-Kapsel erleben während des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre maximal 7 G. Wer die Streif jemals, und sei es im gemäßigten Besichtigungstempo, abgefahren ist, der weiß: Selbst ein geübter Amateur würde die Fahrlinie der Profifahrer samt der enormen Fliehkräfte in den Kurvenpassagen nicht heil überstehen. Dreßen ist froh über seine "hilfsbereiten älteren Kameraden Josef Ferstl und Andreas Sander", die ihren Erfahrungsschatz mit ihm teilen. Bodenständig sind die deutschen Speedfahrer alle geblieben. 

Dreßen war noch keine zwölf Jahre alt, da traf seine Familie der schwerste Schlag. Im September 2005 starb der Vater Dirk Dreßen mit 43 in Sölden, der damals mit Kindern beim Gletschertraining war. Ein Helikopter verlor genau über der Seilbahn einen 750-Kilo-Betonkübel, woraufhin eine Gondel abstürzte. Weitere Skifahrer wurden aus anderen Gondeln rausgeschleudert. Sechs Kinder und drei Erwachsene verloren ihr Leben und Thomas und sein jüngerer Bruder Michael ihren Vater. 

"Ich trage den Vater immer im Herzen, und auf meinem Helm ist er mit den Zahlen 44" – die für Dirk Dreßen (4. Buchstabe im Alphabet) stehen – "bei jedem Rennen dabei. Dies ist für mich sehr wichtig", sagt Dreßen. Dankbar ist er seiner "Familie und besonders der Mutter", die ihn auch nach dem Tod des Vaters auf seinem "sportlichen Weg mit allen Kräften unterstützt hat". Ihr und seinem Vater widmete er den Sieg. 

So stark wie nie

Diesen Winter ist er so stark wie nie. Auch wenn er beim Abschlusstraining auf der Streif am Freitag in Kitzbühel durch einen Fahrfehler im Steilhang viel Zeit verlor. Egal: "Mal eine andere Fahrlinie auszuprobieren, dafür ist das Training da." Sein Motto vor dem Rennen war es: "Angreifen und agieren mit bestmöglicher Körperspannung in den schweren Streckenpassagen. Bei zu viel Passivität wird es sonst gefährlich für uns." 

Seine gute Form hatte sich schon länger angedeutet. In der Abfahrt in Beaver Creek im Dezember fuhr Dreßen als Dritter erstmals in seiner Karriere aufs Podest. Das hatte bis dahin von den deutschen Abfahrern zuletzt Max Rauffer vor 13 Jahren geschafft. Beim Lauberhorn-Klassiker in Wengen am vergangenen Wochenende "schlug die Blaumeise samt weicher Knie" bei Dreßen erst im Ziel-S zu, sonst wäre er bei der mit fast 4.500 Metern längsten Weltcupabfahrt wieder aufs Podest gefahren. Doch die Kraft reichte nicht bis ganz zum Schluss.