Helmut Recknagel ist 80 Jahre alt und trotzdem noch bei jedem Springen der Vierschanzentournee dabei. Auch am Samstag, wenn auf der Paul-Außerleitner-Schanze im österreichischen Bischofshofen die 66. Ausgabe dieses prestigeträchtigen Wettbewerbs zu Ende geht, wird er auf Fotos und Plakaten zu sehen sein. Dort sieht man die Bilder von damals, wie der Springer aus der DDR mit seiner imposanten, stilistischen Superman-Flughaltung, mit Keilhose und Pullover, die Arme weit nach vorne gestreckt, bei hohem Luftstand und ohne Helm und Skibrille, in die Sportgeschichte eingegangen ist.

1958, vor genau sechzig Jahren, gewann Helmut Recknagel nicht nur den Wettbewerb in Bischofshofen, sondern als erster Deutscher die Vierschanzentournee überhaupt. Ein Triumph, den er 1959 und 1961 wiederholte. Der im thüringischen Steinbach-Hallenberg geborene gewann noch mehr, zum Beispiel zwei WM-Titel. Mit 19 bezwang er als erster Mitteleuropäer die Skandinavier auf dem berühmten Holmenkollen-Bakken in Oslo. Als erster Nichtskandinavier wurde er 1960 in Squaw Valley Olympiasieger im Skispringen, woran man sich in dem kleinen kalifornischen Ort noch heute gerne erinnert. Damals trat noch eine gesamtdeutsche Mannschaft an. Drei Tage feierte seine Heimatstadt. Sein weitester Sprung gelang ihm mit 136 Metern in Bad Mitterndorf am Kulm.

Recknagel war der überragende Springer seiner Zeit. In den 1950ern, als es noch nicht in jedem Haushalt Fernsehgeräte gab, säumten in Deutschland Tausende auch seinetwegen die Schanzen. Der einstige österreichische Weltklasse-Springer und spätere Erfolgscoach der Austria-Skiadler in den Siebzigerjahren, Baldur Preiml, 78, spricht noch heute voller Hochachtung über seinen einstigen Konkurrenten: "Recknagel war damals eine Weltmacht."

Eine Autogrammkarte von Helmut Recknagel. © Archiv Purschke

Recknagels erster Trainer war Fritz Pfannschmidt aus Steinbach-Hallenberg, der vor dem Krieg ein großer Springer gewesen war. Aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt nahm er das Training mit dem talentierten Steinbacher Schulbuben auf. Viele Stunden übte Recknagel mit ihm auf der heimischen Hallenburg-Schanze. Mit 17 wechselte Recknagel zum renommierten Sportclub Zella-Mehlis.

Der DDR-Sportchef Ewald verachtete ihn

Blickt er heute auf diese Zeit zurück, sagt Recknagel: "Selbst die Schanzen in Thüringen waren damals Kampfstätten. So auch in Brotterode, wo mein großer Teamkamerad Werner Lesser herkam." Manchmal hätten Zuschauer dort gerufen: "Wenn Recknagel doch mal richtig auf die Fresse fliegen würde!" Es ist ihm "damals nicht immer leichtgefallen, all die Erwartungen seiner Fans zu erfüllen und zu siegen", sagt er. Aber oft hat er es dennoch geschafft. Mit Doping sei er nie in Berührung gekommen.

Viele Anekdoten kann Recknagel erzählen – im thüringischen Dialekt, auch wenn er seit Jahrzehnten in Berlin lebt. Als "schlimme Sache" bezeichnet er die damaligen politischen Verhältnisse zwischen Ost und West. "Wir Athleten haben uns gut verstanden, nur die Funktionäre nicht." Der DDR wurde 1959 eine vorolympische Generalprobe in Squaw Valley verwehrt. "Wir wollten doch nur unseren Sport machen, fern der großen Weltpolitik."

Die Mächte der Politik hat Recknagel kennengelernt. Wie Stasi-Akten belegen, wurden Recknagel und sein Trainer Hans Renner vom Sportclub Motor Zella-Mehlis von der DDR-Geheimpolizei massiv bespitzelt, unter anderem vom langjährigen Sportchef des SED-Zentralorgans Neues Deutschland, Klaus Huhn, der als "Geheimer Informant", Deckname "Heinz Mohr", bei der Stasi agierte. 1964 bei den Olympischen Spielen in Innsbruck blieb Recknagel mit Rang sechs von der Normalschanze und Rang sieben vom großen Bakken ohne Medaille. Daraufhin strafte ihn der bornierte DDR-Sportchef Manfred Ewald mit Verachtung.