Die Entscheidung fiel im Urlaub. Irgendwann im Sommer 2016 gestand sich der Handballer Kim Ekdahl Du Rietz ein, dass er lieber kein Handballer mehr sein wollte.

Wenige Wochen zuvor hatte der Schwede mit den Rhein-Neckar Löwen die erste Meisterschaft in der Vereinshistorie gefeiert, nach seinem Urlaub bat er die Verantwortlichen, seinen bis 2018 gültigen Vertrag ein Jahr vor Ende aufzulösen. Eine letzte Spielzeit noch, dann sollte Schluss sein.

Und so wirbelte er noch einmal mit einer Leichtigkeit über das Feld, die bei einem wie ihm, mit gut 100 Kilogramm verteilt auf 1,96 Meter, Dreitagebart und langen zum Zopf gebundenen Haaren, beinahe unnatürlich aussah. Immer wieder zog Du Rietz vom linken Rückraum in die Mitte, um den Ball dann mit dem rechten Arm ins Tor zu nageln. So wie der Fußballer Arjen Robben, nur von der anderen Seite und mit Kraft statt mit Gefühl. Du Rietz gelang fast alles.

"Besser als im letzten Jahr lief es nie", sagt Du Rietz, 28. Als er im Juni 2017 genau 42 Sekunden vor Ende seines allerletzten Handballspiels das Feld verließ, hatte er die Rhein-Neckar Löwen gerade zur zweiten Meisterschaft hintereinander geführt. Der Mann mit der Rückennummer 60 warf die Hände wie zum Trost in die Höhe, ließ den Blick noch einmal durch die Arena schweifen und schritt langsam vom Feld. Die Zuschauer klatschten so laut, dass die Worte des Stadionsprechers nur schwer zu verstehen waren.

Minuten später, bei der offiziellen Verabschiedung, scherzte Du Rietz mit seinen Mitspielern, mit denen er fünf Jahre Tag für Tag trainiert hatte, und die in diesem Moment streng genommen schon gar nicht mehr seine Mitspieler waren. Er verdrückte nicht nur eine Träne, und sagte dann diesen einen Satz, der noch lange in Erinnerung bleiben wird: "Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet."

Warum verzichtet ein Sportler im besten Alter auf all die Annehmlichkeiten eines Profilebens, auf Geld und Ruhm? Du Rietz war erst 27, auf seiner Position im linken Rückraum musste man schon sehr lange nach einem besseren suchen. Es hätte noch Jahre so weitergehen können. Doch Du Rietz wollte mehr, immer nur Handball, das reichte ihm nicht mehr.

Er fühlte sich ausgebremst

Mittlerweile hat er sich in seiner Heimatstadt Lund in Schweden einen Schrebergarten gekauft. 15 Quadratmeter, ohne Heizung, aber mit dem Geruch von Freiheit. Lund ist jetzt Heimat und zugleich das Tor zur Welt, dort fasst Du Rietz Pläne, von dort aus reist er um die Welt.

Irgendwann, sagt Du Rietz heute, habe es sich einfach nicht mehr richtig angefühlt, alles dem Handball unterzuordnen. Lange habe er sich gefragt, was genau er eigentlich vermisse. Es dauerte, bis er die Antwort fand: Freiheit. Er fühlte sich ausgebremst, dachte, sein Kopf werde nicht genug gefordert. "Mir war klar, dass es nicht so weitergehen kann."

Es war keine plötzliche Entfremdung, die da zwischen dem Handballer und seinem Sport stattgefunden hatte, nicht wie das jähe, schmerzhafte Ende einer Beziehung, sondern ein Entschluss, der lange gereift war. Den Du Rietz mit dem freiwilligen Ende seiner Zeit in der schwedischen Nationalmannschaft 2014 eingeleitet hatte.

Wenn die besten Handballer Schwedens fortan ihr Land vertraten, tat Du Rietz nur noch, worauf er Lust hatte. Wann immer es die Zeit zuließ, reiste er. "Je mehr ich vom Rest der Welt gesehen habe, desto weniger wichtig wurde der Handball für mich."

Über Du Rietz hatte man sich schon länger erzählt, er sei der etwas andere Handballer. Einer, der das Leben genießt. Der nebenbei Psychologie studiert, vier Sprachen fließend spricht, sich in der Ferne zu Hause fühlt und vor dessen Wohnung ein japanischer Kleinwagen stand und kein dicker SUV. Einer, der nie ein Geheimnis daraus gemacht hatte, dass der Sport für ihn nicht alles ist, und der nun die Konsequenzen daraus zog.