ZEIT ONLINE: Herr Müller, was muss man alles unternehmen, um eine Statue auf das Gelände des FC Bayern stellen zu dürfen?

Simon Müller: Stetig an eine der größten Persönlichkeiten des Vereins erinnern. Seit 2006 gedenken wir Ultras von der Schickeria mit einem Turnier, Choreografien und Gedenkveranstaltungen an Kurt Landauer.

ZEIT ONLINE: Landauer war Präsident, bis er wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 vor den Nazis fliehen musste. 1947 kehrte er zurück, 1961 starb er. Sie und andere Bayernfans haben nun eine Stiftung gegründet und diese nach Landauer benannt. Was haben Sie vor?

Müller: Wir wollen sein Erbe weiterführen: zu einer weltoffenen Gesellschaft beitragen, die sich fortschrittlich und liberal gegen Rassismus und Ausgrenzung stellt. Dass der FC Bayern heute an der Säbener Straße seine Heimat hat, ist ja auch Landauer zu verdanken. Landauer überzeugte nach dem Krieg die Alliierten, denen das deutsche Vereinswesen aus verständlichen Gründen sehr suspekt war, von der Notwendigkeit eines Trainingsplatzes. Deshalb wird er dort ab dem Sommer als Statue auf sein Werk blicken. Wir übernehmen seit zwei Jahren die Kosten für die Pflege seines Grabes. Zudem wollen wir über Landauer hinaus an vergessene Persönlichkeiten erinnern, die sich um den Verein verdient gemacht haben. Maria Meißner zum Beispiel, die 37 Jahre lang die gute Seele des Vereins war. Mit jungen Fans fahren wir regelmäßig in die KZ-Gedenkstätte Dachau, auch nach Auschwitz wird es bald eine Fahrt geben. Zudem spenden wir an die Münchner Initiative Buntkicktgut. Wir laden Geflüchtete ins Stadion ein. Und Bayernfans, die Unterstützung brauchen, werden wir unter die Arme greifen.

ZEIT ONLINE: Der Verein zeigte lange kein Interesse an Landauer und seiner eigenen Geschichte. "Ich war zu der Zeit nicht auf der Welt", sagte Uli Hoeneß einst.

Müller: Hoeneß, Rummenigge, das sind Idole der Siebziger. Damals war es noch nicht üblich, der Vergangenheit nachzuspüren. Das Münchner NS-Dokumentationszentrum gibt es auch erst seit ein paar Jahren. 60 Jahre lang war da eine leere Wiese, wo vorher die erste NSDAP-Parteizentrale gestanden hat. Das ist mittlerweile anders. Rummenigge war 2009 bei einer Gedenkveranstaltung zum 125. Geburtstag von Landauer in Dachau. Seit 2013 ist Landauer wieder Ehrenpräsident. Ich habe nicht den Eindruck, dass bei den Vereinsvertretern hinter der Erinnerung an Landauer Kalkül steckt. Das ist ehrlich gemeint.

ZEIT ONLINE: Bei der Gründung der Stiftung am 20. Dezember saßen unter anderem Politiker, Fußballfunktionäre und Religionsvertreter auf Einladung von Fußballultras zusammen. Komisch, oder?

Müller: Tatsächlich fühlt sich die Stiftungsarbeit anders an als unser Kurvenleben. Doch es geht um die gemeinsamen Ziele, gegen Rassismus und Antisemitismus in unserer Gesellschaft vorzugehen. Das steht über den Befindlichkeiten, die es zwischen Vereinsführung und Ultras normalerweise gibt.

ZEIT ONLINE: Warum gerade jetzt?

Müller: Die Idee ist mit dem Julius-Hirsch-Preis entstanden. Den haben wir 2014 vom DFB für unsere Würdigung und unsere Choreografien zu Ehren von Kurt Landauer erhalten. Mit dem Preisgeld arbeiten wir seit 2015 an der Stiftung. Dass wir an Landauer erinnern, haben wir nicht gemacht, um bekannt zu werden. Landauer sollte als Idee, als Figur, für unsere Kurve stehen. Mit dem Preisgeld wollten wir nichts Einmaliges machen, sondern etwas Nachhaltiges.