Im Moment seines größten Triumphs wirkte Rob Cross ein wenig, als würde er sich schuldig fühlen. Verständlich wäre es, schließlich hatte der neue Darts-Weltmeister gerade den meisten der gut 3.000 stets bunt kostümierten und blau-getrunkenen Fans im Londoner Alexandra Palace die Party versaut. Die waren nämlich für Phil Taylor gekommen, die Darts-Legende, den Opa, der diesen Sport seit 30 Jahren dominiert und nun bei seinem letzten Turnier noch einmal Weltmeister werden wollte.

Eine Story, die schon am Neujahrstag die Chance hatte, eine der schönsten Sportgeschichten des Jahres zu werden. Der runde Taylor mit dem schleppenden Gang, der zuletzt nicht mehr viel gewonnen hatte und fast schon froh schien, dass der ganze Stress bald vorbei sein würde, konnte es ja selbst kaum glauben, überhaupt noch einmal ins Finale gekommen zu sein. Seine Fans, also eigentlich alle Darts-Fans, sangen das Lied vom Taylor-Wonderland. Vom ehemaligen Fabrikarbeiter, wegen dem aus diesem doch eigentlich seltsamen Pfeilewerfen ein beachteter Sport wurde und ein Ereignis, für das viele Millionen Fernsehzuschauer bis spät nachts wach bleiben.

"Ich fühle mich großartig. Es ist meine erste große Trophäe. Aber es geht hier um Phil Taylor. Es ist sein Turnier. Es wird nie wieder einen Sportler wie ihn geben", sagte Cross nach seinem Sieg und reichte seinen Pokal an Taylor weiter. Schöne Sätze, eine schöne Geste. Aber was sogar bei Cross selbst in der Wehmut um Taylors Abschied unterging, war die Souveränität, mit der Cross dieses Finale gewann. 7:2 hieß es am Ende, ein Ergebnis, bei dem nicht nur jeder Brasilianer zusammenzuckt.

Die Partie war genauso klar, wie es das Ergebnis verheißt. Beim Darts kommt es vor allem auf zwei Dinge an: viele Punkte zu erzielen. Ein einzelnes Leg nämlich, also das kleinste Spiel im Spiel, gewinnt, wer zuerst seine 501 Punkte auf genau Null gebracht hat. Dafür muss man die kleinen Dreifach-Felder treffen, sie bringen die meisten Punkte, die dann von den 501 abgezogen werden. Drei gewonnene Legs sind ein gewonnener Satz. Pro drei Pfeilen schaffte Cross durchschnittlich im Finale 108 Punkte, elfmal erreichte er sogar das Maximum von 180 Punkten, traf also dreimal die dreifache Zwanzig, ein Feld so groß wie drei Konfetti.

Und dann ist es noch wichtig, die Legs auch wirklich zu gewinnen. Das kann man laut Regel nur, wenn man mit dem letzten Pfeil eines der Doppel-Felder trifft, die wiederum nur viermal 0,8 Zentimeter groß sind. Spätestens dort kommen bei dem Präzisionssport die Nerven ins Spiel. Wer den letzten Pfeil nicht bringt, kann nicht gewinnen. Eine Doppel-Quote von 50 Prozent gilt als Weltklasse, Cross traf 60 Prozent. Gegen solche Zahlen kann man eigentlich nicht gewinnen.

Doch wer ist dieser Mann? Rob Cross ist Engländer und erst 27 Jahre alt. Er wurde in dem Jahr geboren, in dem Taylor seine erste WM gewann. Er arbeitete als Elektriker, weshalb ihm der überaus kreative Kampfname The Voltage verpasst wurde, Spannung. Diese WM war seine erste überhaupt, wer im Sommer auf Cross als Weltmeister gewettet hätte, hätte für zehn Euro Einsatz 4.000 rausbekommen. Shootingstar ist zwar für die Pfeilewerfer ein halbwegs passender Begriff, aber für Cross fast schon wieder untertrieben. Ein Neuling, der Weltmeister wird. Das ist so, als würde Panama im Sommer die Fußball-WM gewinnen.