Russlands Präsident Wladimir Putin soll den Dopingbetrug bei den Winterspielen in Sotschi gebilligt haben. Dessen beschuldigt ihn der frühere Leiter des Moskauer Dopinganalyselabors, Grigori Rodtschenkow, der unter anderem der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) als Kronzeuge dient. "Natürlich kam es von ganz oben, vom Präsidenten. Weil nur der Präsident den FSB für eine solche spezielle Aufgabe engagieren könnte", sagte er in einer ARD-Dokumentation, die an diesem Montag ausgestrahlt wird.

Nach den Olympischen Spielen in Sotschi war Rodtschenkow in die USA geflohen und hatte dann im Mai 2016 in einem Interview mit der New York Times detailliert über den Dopingbetrug mithilfe des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB berichtet. Von russischer Seite wird er mit internationalem Haftbefehl gesucht, er befindet sich aber im Zeugenschutzprogramm der US-Behörden.

Als Reaktion auf seine Enthüllungen beauftragte die Wada den kanadischen Anwalt Richard McLaren mit einer Untersuchung der Vorwürfe. Im Juli 2016 legte dieser seinen Bericht vor, in dem er – auf der Basis von Zeugengesprächen, Tausenden Dokumenten sowie nachträglichen Analysen von Urinproben und den entsprechenden Probeflaschen – Rodtschenkows Angaben bestätigte und neue Beweise für ein flächendeckendes Staatsdoping in Russland präsentierte.

In der ARD-Doku weitet Rodtschenkow seine früheren Beschuldigungen weiter aus und gab an, ein Dopingsystem habe es schon weit vor den Spielen von 2014 gegeben. "Vor Peking war es sehr einfach. Man konnte tun, was man wollte – und alle russischen Athleten des Nationalteams waren gedopt", sagt Rodtschenkow und bestätigt damit entsprechende Dokumente, die der ARD zugespielt wurden. Darin heißt es etwa: "Vor Dopingtests geschützt durch umfassenden Urinaustausch" oder "Anabolika wurden mit Whisky oder Wermut versetzt, sodass sie sich im Körper schneller auflösen … In Serie wurden neuartige Peptidhormone gespritzt. Sportler waren verpflichtet, sauberen eingefrorenen Ersatzurin rund um die Uhr jeden Tag bereitzuhalten." Rodtschenkow zufolge waren die Verantwortlichen sehr entschlossen: "Zwischen Peking 2008 und London 2012 haben wir unsere Strategie geändert, wie man Doping vertuschen kann. Wir haben alles kontrolliert." Für Sotschi sei das Staatsdoping zur Perfektion gebracht worden.

Im Zentrum des Betrugs steht dabei der Urin gedopter Sportler, der mithilfe manipulierbarer Dopingkontrollbehälter ausgetauscht wurde. Offenbar gibt es auch aktuell noch Möglichkeiten einer solchen Manipulation, über die die ARD in einer weiteren Dokumentation berichtet. Demnach können auch die neuen von der Wada zugelassenen und bislang als sicher geltenden Fläschchen von unberechtigten Personen geöffnet und wieder verschlossen werden – ohne dass dabei Spuren hinterlassen werden.

In einer ersten Stellungnahme musste auch die Wada zugeben, von dieser Unsicherheit bereits seit dem 19. Januar zu wissen. An dem Tag sei man vom Kölner Analyselabor darüber informiert worden, dass die Flaschen beim Einfrieren einer Probe manuell geöffnet werden können. Derzeit untersuche man mögliche Unversehrtheitsprobleme mit den neuen Urinprobenflaschen, hieß es am Montag.