Tennys Sandgren saß auf dem Podium und lachte. So gekünstelt und übertrieben lang, um auch dem letzten Journalisten im Raum zu demonstrieren, wie unglaublich lächerlich er diese Frage fand. Aus einer der hinteren Reihen grölte Sandgrens Trainer Jim Madrigal: "Los, nächste Frage! Das ist bescheuert, du brauchst solche Fragen nicht zu beantworten!" Mit verspiegelter Sonnenbrille und verschränkten Armen vor dem stattlichen Bauch wirkte Madrigal wie Sandgrens persönlicher Kettenhund. Dass Trainer in Pressekonferenzen bei Grand-Slam-Turnieren eigentlich gar nicht zugelassen sind, wusste Sandgren offenbar nicht. 

Woher auch? Sandgren hat vor diesen Australian Open noch nie ein Match bei einem Major-Turnier gewonnen – in 13 Anläufen. Jetzt steht der 26 Jahre alte Amerikaner im Viertelfinale und ist die große Überraschung des Turniers. Und so muss er sich auch gefallen lassen, dass er jetzt nicht nur über seinen kuriosen Vornamen plaudern darf, den er wegen seines schwedischen Ur-Großvaters trägt, sondern auch über seine politische Meinung. Denn in den sozialen Medien ist Sandgren immer wieder durch seine rechtspopulistischen Äußerungen und seine Nähe zu Aktivisten der sogenannten Alt-Right-Bewegung in Amerika aufgefallen.

Allein Sandgrens Twitter-Profil zeigt Dutzende Verlinkungen zu rechten Ideologien, und er folgt umstrittenen politischen Figuren vom rechten Flügel wie Tommy Robinson, Dan Roodt, Ann Coulter oder Sebastian Gorka. Noch am 15. Januar retweetete Sandgren ein Video von Nicholas J. Fuentes, einem ehemaligen Studenten der Universität Boston, der im vergangenen August beim Aufmarsch der weißen Nationalisten in Charlottesville dabei war und seinen eigenen Video-Blog namens America First betreibt. 2016 äußerte sich Sandgren auch zum sogenannten Pizzagate, einer Verschwörungstheorie, die Hillary Clinton während des Präsidentschaftswahlkampfes mit Menschenhandel und Kindesmissbrauch in Verbindung brachte. "Es ist krankhaft und die gesammelten Beweise sind zu viel, um sie zu ignorieren", schrieb Sandgren damals.

Unterstützt er also die Alt-Right-Bewegung? "Das tue ich nicht", sagte Sandgren. "Ich finde einige der Inhalte interessant." Was genau er interessant findet, führte der US-Amerikaner allerdings nicht aus, sondern fügte hinzu: "Als guter Christ unterstütze ich solche Dinge nicht. Ich unterstütze Christus und folge ihm."

Doch das eine muss das andere nicht ausschließen, im Gegenteil. In den USA bildeten rechtsgerichtete evangelikale Christen eine der Grundlagen für den Wahlsieg von Präsident Donald Trump vor einem Jahr. Sandgrens Mutter Lia ist Südafrikanerin und in ihrem Heimatland separieren sich Teile der weißen Christen immer noch von den Schwarzen. Als die Kritik an ihrem Sohn in Melbourne am Montagabend öffentlich wurde, schrieb Lia Sandgren auf ihrer Facebook-Seite: "Bin so stolz auf Tennys, wie intelligent er das Medien-Verhör dazu genutzt hat, um eine riesige Plattform zu schaffen, um seinen Glauben an Christus zu verkünden." Der Bezug zu seiner Mutter ist extrem eng. Die Sandgrens leben in Gallatin, Tennessee, im Süden der USA, und Lia Sandgren unterrichtete ihre beiden Söhne Davey und Tennys zu Hause. Eine Schule besuchten beide nie. Sie sollten sich auf das Tennistraining konzentrieren können, das ebenfalls die Mutter übernahm.