Sie müssen spielen und spielen und spielen – Seite 1

Wenn am Samstag die Europameisterschaft der Handballer beginnt, hat Patrick Groetzki das härteste schon hinter sich: "Der November war brutal." Der deutsche Rechtsaußen ist 1,89 Meter groß und wiegt 89 Kilogramm, als Außenspieler spürt er gegnerische Checks und Ellbogen oft noch tagelang. Den Hallenboden kennen die Außen auch ganz gut. Groetzki also ist jemand, der weiß, was das Wort brutal bedeuten kann. "Ich bin froh, wenn ich so einen Monat nie wieder erleben muss", sagt der 117-fache deutsche Nationalspieler auch noch.

Dabei spricht Groetzki bloß von seinem Spielplan. Der hat es in sich, besonders der November war aus Sicht der Sportler heftig: Neun Matches gab es für Groetzkis Verein, die Rhein-Neckar Löwen, acht davon auswärts. Das vorzeitige Verdichtungsmaximum war erreicht, als die Badener in der Liga gegen Leipzig und am Tag darauf in Barcelona in der Champions League aufs Parkett gingen.

79 Spiele pro Saison

Seit Jahren mehrt sich die Zahl internationaler Spieltage, längst ist die Champions League eine Spielklasse für sich. Waren es 2010 noch zehn Vorrunden-Partien, sind es seit 2016 vierzehn Begegnungen. Pro Club. Und es wird bald noch mehr: Für 2020 plant der Europäische Handballverband (EHF) nun eine neue, eingleisige Vorrunde mit zwölf Teilnehmern – und 22 Spielen. Dazu wechseln sich jährlich Welt-und Europameisterschaften ab. Am Freitag beginnt die EM in Kroatien.

Selbst wenn sich, was unwahrscheinlich ist, Groetzki im Club- und Nationaltrikot schnellstmöglich aus allen Turnieren verabschiedet, wird er 65 Mal gespielt haben. Bei EM-Titel und maximaler Pokalausbeute wären es 79 Matches. "Das wäre alles noch zu verschmerzen, dafür sind wir auch Topathleten", sagt Groetzki. "Nur fehlt uns die Regenerationszeit, weil die Verbände auf dem Kalender ihr eigenes Programm durchziehen. Das ist das alles Entscheidende."

Die vergangene Saison endete für ihn am 18. Juni mit der EM-Qualifikation, die aktuelle eröffneten die Rhein-Neckar Löwen am 28. Juli mit einem Testspiel. Wilhelm Bloch, Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln, hält das für eine gefährliche Entwicklung: "Man kann nicht denken, dass der Organismus eine solch dauerhafte Intensivierung einfach so wegsteckt – damit steigt die Verletzungsgefahr." Er plädiert für mehr Regenerationszeit.

Doch kaum einer will auf den wissenschaftlichen Rat hören. Viele Sportarten folgen vor allem einem Credo: mehr und größer. Der Triathlon fügt sich World Cups zum Kalender hinzu, im Hockey gibt es eine neue Pro-League, die Uefa wird nach der WM in Russland ihre Nations League der Nationalmannschaften starten, die Volleyballer spielen ab diesem Jahr statt des Grand Prix auch eine Nations League und die Handballer stocken ihre Champions League weiter auf: Sportliche Höchstleistung wird zum Angebot in Dauerschleife. Der Sport erlebt eine Turnierflut.

In den USA klagt fast keiner

Bleibt es bei diesem Trend, wird man Sportmedizinern wie Bloch womöglich bald mehr zuhören müssen. Aus deren Sicht handeln die Verbände unvernünftig, wenn es bei den jetzigen Regularien bliebe. "In einige Sportarten sollte man die Zahl der Spielerwechsel erhöhen, in anderen mehr Regenerationszeit schaffen", sagt er. Eine andere Lösung haben die US-Amerikaner gefunden. Paradoxerweise gerade in den Ligen, die ihre Meisterschaften am dichtesten takten: der NBA und NHL. Reizt beispielsweise ein NBA-Team die Play-Offs komplett aus, kommen beeindruckende 110 Anpfiffe pro Saison zusammen – ohne Testspiele, All-Star-Games und Einsätze für das Nationalteam. In nur sieben Monaten Wettkampfzeit.

Dennoch sind Klagen von Spielern über die Wettkampffrequenz selten. Für Bloch ist das keine Überraschung. "In den USA liegen zwischen den Saisons gut fünf Monate. Die Profis können da komplett ausregenerieren, ehe sie in einen intensiven Aufbaublock gehen." Die Saison können die Athleten dann mit maximaler Leistung und Fitness durchpowern.
Nationale, europäische und die Weltverbände lassen sich immer wieder neue Turnierformen einfallen. "Der Trend in jüngerer Zeit ist eindeutig. Wir erleben einen signifikanten Anstieg an Wettkämpfen querbeet durch alle Sportarten", sagt Jürgen Barth vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

Mehr Wettbewerbe, mehr vermarktbare TV-Zeiten, das scheint die zugespitzte Rechnung vieler Verbände zu sein. Viele Sportler stehen dann allerdings mit einem Bein im Fernsehen und mit dem anderen im Behandlungszimmer. Parallel zur steigenden Belastung gebe es mehr und mehr gravierende Verletzungen, sagt Barth.

Der Hockeyverband arbeitet an einer Lösung

Es gibt einen Verband, der sich an einer Lösung probiert: der Welthockeyverband. Deutschland zählt im Hockey zu den Spitzenteams. Die Damen wie die Herren genießen alle vier Jahre Ruhm und Ehre, wenn sie bei den olympischen Turnieren fast immer weit vorne landen. Sind aber gerade keine Spiele, fällt Hockey wieder zurück in die Riege der kaum beachteten Sportarten.

Dem will der Weltverband entgegenwirken und ab 2019 die Pro League als globale Nationenliga ins Leben rufen. Hin- und Rückspiele werden dann in den jeweiligen Ländern der Kontrahenten stattfinden, so wie es auch der Rugbyverband mit seinem prestigeträchtigen und erfolgreichen Six-Nations-Turnier handhabt. Die Hockey-Funktionäre hoffen, damit konstant Zuschauer anzulocken und den TV-Kameras die Atmosphäre zu geben, die sie suchen.

Hockeyprofis müssen nebenbei arbeiten

Denn bislang erreicht Hockey kaum TV- und Werbe-Aufmerksamkeit, besonders wenig davon in Deutschland. Die heimischen Hockey-Athleten sind deswegen im Gegensatz zu ihrer ausländischen Konkurrenz keine Vollprofis, sondern studieren und arbeiten – trotz der beachtlichen Erfolge. Das könnte zum Problem werden.

"Der neue Pro-League-Modus bedeutet eine große sportliche Belastung für die duale Karriere der Spieler. Auch ihre Finanzierung muss neu ausgearbeitet werden", sagt Barth vom DOSB. Irgendwer muss ja die neu hinzugekommenen Flugverbindungen rund um den Globus bezahlen. Der überwiegende Teil des Hockey-Etats stammt bisher aus der Kasse der Bundessportförderung, die an die neuen Bedingungen noch nicht angepasst ist.

Dennoch votierte der deutsche Hockeybund für eine Teilnahme an der Pro League. "Wir rechnen mit 100 bis 120 Tagen Einsatzzeit für das Nationalteam pro Jahr. Das wird hart", sagt Hockey-Sportdirektor Heino Knuf. "Würden wir aber nicht teilnehmen, hätten wir monatelang kein Spiel gegen die Topnationen. Wollen wir oben bleiben, können wir uns das nicht erlauben." 

Darüber hinaus hofft Knuf, den Spielern endlich die Bühne – und vielleicht die TV-Nachfrage – zu bieten, die sie verdienen. "Es gibt da positive Anzeichen", sagt Knuf, "wir möchten über attraktive Spiele vor vollen Rängen eine Aufwärtsspirale für mehr Professionalisierung generieren." Dieser hehre Wunsch zieht sich durch alle Sportarten. Ein wenig wirken die Verbände wie Schatzsuchende; die neuen Turnierformate sind ihre Dreimaster auf hoher See, die Sportler ihre Besatzung. Nicht alle werden heil aus der Sache rauskommen, nicht jeder wird das große TV-Gold bergen.

Versteht der Zuschauer noch den Unterschied?

Ob ein Format erfolgreich ist, hängt vor allem auch davon ab, ob der Zuschauer es versteht. Der Sportökonom Christian Deutscher von der Uni Bielefeld beschäftigt sich mit diesem Phänomen: "Die Hierarchie der Wettbewerbe muss klar sein. Es kommt aber häufig vor, dass Turniere in Konkurrenz zueinander stehen", sagt Deutscher. Die neue Uefa Nations League wird beispielsweise die auf 24 Mannschaften aufgeblähte und in verschiedenen europäischen Städten ausgetragene Fußball-EM 2020 herausfordern. Die Trennschärfe geht verloren.

Deutscher sieht zudem die Erweiterung internationaler Clubturniere kritisch, wie es bei der Handball Champions League geschieht. "Die Erfahrung zeigt, dass Zuschauer den niedriger wahrgenommenen Klassen fortbleiben, wenn in zeitlicher oder räumlicher Nähe Mannschaften höherer Ligen live oder im TV gegeneinander antreten." Mehr Aufmerksamkeit für die Champions League hieße demnach weniger für die Bundesliga.

Und dann kommt es noch darauf an, welcher Markt wichtig ist. In Deutschland tummeln sich die Konzerne der Deutschland-AG als Sponsoren im Fußball, nicht im Handball. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Für die kleinen Ligen, wie zum Beispiel die von Mazedonien oder Ungarn, verspricht der neue Champions-League-Modus mehr attraktive Spiele, die man besser vermarkten kann. Groetzki sieht diesen aufkeimenden Zwiespalt. "Dort sind die Topclubs intern konkurrenzlos, deshalb ist der neue Modus für die klasse, ganz klar." Deutschland hat hingegen eine Liga auf Weltklasseniveau. Die Champions League ist also von der Liga nicht so weit entfernt, manche Spiele womöglich sogar langweiliger. Deshalb sind deutsche Werbepartner eher zurückhaltend.

Sagen die Deutschen aber zum neuen Champions-League-Modus Nein, findet die Königsklasse eben ohne sie statt. Um Spieler zu entlasten, müsse eine Kompromisslösung her, sagt Groetzki. Die EHF könnte ihren Kalender entschlacken und die EM nur noch alle vier Jahre austragen, statt wie derzeit in jedem zweiten Jahr im Wechsel zur WM spielen zu lassen. Stattdessen ist die EM 2020 bereits penibel geplant: Sie wird auf 24 Teilnehmer aufgestockt. Groetzki hofft, dann wieder als Titelverteidiger anzutreten, Deutschland zählt in Kroatien ab morgen zu den Favoriten. Dazwischen gibt es ein ungewohntes Päuschen: Die Handball-WM 2019 findet in Deutschland statt. Die Quali 2018 entfällt damit für die Deutschen.