Der ehemalige US-Arzt Larry Nassar ist wegen massenhaftem sexuellen Missbrauch junger Turnerinnen zu bis zu 175 Jahren Haft verurteilt worden. "Ich habe gerade Ihr Todesurteil unterzeichnet", sagte Richterin Rosemarie Aquilina zu Nassar bei der Verkündung des Strafmaßes in Lansing im US-Bundesstaat Michigan. Es sei ihr eine Ehre und ein Privileg, ihn zu bestrafen. "Ich würde nicht einmal meine Hunde zu Ihnen schicken", sagte sie. Nassar müsse mindestens 40 Jahre im Gefängnis bleiben.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von 40 bis 125 Jahre gefordert. Richterin Aquilina warf Nassar vor, er habe noch immer nicht akzeptiert, was ihm vorgeworfen wird. Das Gericht hatte im Rahmen des Prozesses 156 Mädchen und Frauen angehört, darunter auch mehrere Olympiasiegerinnen. Nassar hatte sich im November 2017 schuldig bekannt. In einem anderen Prozess war er wegen des Besitzes von Kinderpornografie bereits zu einer Haftstrafe von 60 Jahren verurteilt worden.

Nassar sagte vor Gericht, er bitte seine Opfer um Entschuldigung für den Schmerz und das Trauma, das er ihnen angetan habe. "Eure Worte haben mich zutiefst erschüttert", sagte er. Er werde sie bis ans Ende seines Lebens in sich tragen. Mehrfach drehte sich Nassar zu den Opfern um, er wollte sie direkt ansprechen.

"Meister der Manipulation"

"Ihre Taten sind abscheulich. Sie können Ihren Opfern nicht ihre Unschuld zurückgeben", sagte Richterin Aquilina. "Sie haben es nicht verdient, jemals wieder das Gefängnis zu verlassen." Die Taten Nassars erstrecken sich über 25 Jahre. Auch Staatsanwältin Angela Povilaitis wurde in ihrer Abschlussstellungnahme sehr deutlich: "In Wirklichkeit war er ein Meister der Manipulation."

In der siebentägigen Anhörung hatten auch mehrere prominente US-Turnerinnen gegen Nassar ausgesagt, unter ihnen die viermalige Rio-Olympiasiegerin Simone Biles. Kyle Stephens nannte den Ex-Mediziner einen abscheulichen Lügner. Nassar habe seine sexuellen Neigungen ausgelebt und mit medizinischen Behandlungen gerechtfertigt, die der Entspannung der Beckenmuskulatur dienen sollten. 

Die Anwälte Nassars berichteten, sie hätten Todesdrohungen gegen ihre Kinder erhalten. Anwalt Matthew Newburg sagte, er würde Nassar jederzeit wieder verteidigen, sei dies doch das verfassungsmäßig garantierte Recht eines jeden Angeklagten. Nassar bereue seine Taten zutiefst, sagte Newburg. Aber eine Entschuldigung sei nicht genug. Die Gefühle Nassars seien nichts im Vergleich zu dem, was seine Opfer hätten durchmachen müssen. 

Am Montag war die Spitze der Geschäftsführung des Turnverbandes USA Gymnastics wegen Vorwürfen zurückgetreten, Nassars Machenschaften lange Zeit gedeckt zu haben.