Ein Januarsonntag in Dresden. Auf einem Eislaufring an der Elbe flitzen sie übers Eis, aufgedrehte Kinder, ungelenke Väter, dazu Popmusik, Glühwein, die Sonne scheint. Ein kleines Wintersportidyll, das auch Anna Seidel kennt. Sie war hier früher öfter mit ihren Eltern, mittlerweile hat sie es in die Halle nebenan geschafft. Während auf dem Ring die Kinder vor Freude kreischen, zieht sie in der letzten Kurve in einem frechen Manöver an einer Konkurrentin vorbei. Am Ende holt sie die Bronzemedaille bei der Shorttrack-EM.

Anna Seidel, 19 Jahre, ist Deutschlands beste Shorttrackerin. Shorttrack ist jene flottere Form des Eisschnelllaufs, bei der die Sporttreibenden nicht einzeln starten, sondern im Pulk. Die Runden sind kürzer (daher der Name), es wird gedrängelt, manchmal auch geschubst, was zu Überholmanövern führt, die spannender sind als die der Formel 1. Und zu Stürzen, bei denen die Sporttreibenden aufpassen müssen, sich nicht mit ihren Kufen aufzuschlitzen. Dagegen schützen sie sich mit einer Halskrause aus schnittfestem Material, Schienbeinschonern und einem Helm. Die Banden sind gepolstert, falls mal wieder einer abfliegt. Es ist immer was los, wie Claudia Pechstein auf Speed.

Legendär war das Olympische Herrenfinale 2002, als sich in der letzten Kurve alle Fahrer gegenseitig über den Haufen fuhren, bis auf den Australier Steven Bradbury, der schon zu weit abgehangen war, um in die Kalamität verwickelt zu werden, und sein Glück kaum fassen konnte, als er als Olympiasieger über die Ziellinie fuhr.

Aber Shorttrack ist auch Eleganz und Flow. Die synchronen Bewegungen, die langen, geschmeidigen Schritte. Wenn sich die Athleten in die Kurven lehnen, sich mit einer Hand auf dem Eis stabilisieren, und dann auf einer Kufe um die Kurve gleiten – viel ästhetischer wird es nicht im Wintersport.

"Man muss sehr viel mutiger sein als in anderen Sportarten, in denen man seine eigene Bahn hat", sagt Anna Seidel. Sie liebt die Duelle, sich im Windschatten an die Konkurrentin heransaugen, im richtigen Moment überholen, die Mischung aus Geschwindigkeit und Taktik. "Man braucht den Killerinstinkt, man muss unbedingt gewinnen wollen."

Den hatte Anna Seidel schon ziemlich früh. Ihr Bruder wollte Eiskunstläufer werden. Als sie ihn manchmal vom Training abholte, sah sie, wie die Shorttracker nach ihr aufs Eis gingen. Irgendwann ist sie einfach geblieben. Sie wurde in ihrem Alter schnell die Beste des Landes und startete schon mit 15 bei den Winterspielen in Sotschi. Als zweitjüngstes Mitglied des deutschen Teams. Sie kam bis ins Halbfinale und saß später auf der ZDF-Fernsehcouch von Katrin Müller-Hohenstein, mit Zahnspange und viel Unglauben.

Sieht Anna Seidel die Bilder heute, lacht sie. "Ich war da schon noch ein anderer Mensch", sagt sie. "Damals war ich das kleine Kind, niemand hat etwas von mir erwartet, jetzt bin ich weiter." Sportlich, aber auch was die Außenwirkung angeht. Nur an der Zahl der Instagram-Follower gemessen gehört sie zu den populärsten deutschen Wintersportlerinnen. Da hilft auch das ein oder anderen Foto mit Schmollmund oder im Bikini. Ein großer Brausehersteller, der sich auch gerne Fußballvereine kauft, ist ihr neuer Hauptsponsor.

Südkorea räumt alles ab

In Pyeongchang wolle sie mindestens einmal unter die besten Zehn, sagt Seidel. Vielleicht geht sogar mehr, am Samstag steht sie im Vorlauf über 500 Meter zum ersten Mal auf dem Eis. Ihr größter Erfolg war mal ein zweiter Platz in einem Weltcup-Rennen, warum nicht noch einmal? "Ich weiß, dass ich in der Lage bin, mehr zu schaffen. Aber ich will mir nicht selbst zu viel Druck machen", sagt sie. Robert Bartko, der Sportdirektor der Deutschen Eisschnelllauf-Gesellschaft und frühere Radprofi, sagt: "Anna hat gezeigt, dass sie es drauf hat. Was bei den Spielen geht, wird sich zeigen. Aber der Anspruch ist, ganz vorne mitzufahren."

Doch die Konkurrenz ist groß. Eine Medaille bei einer Europameisterschaft wie im Januar in Dresden bedeutet nicht viel. Europa ist im Shorttrack etwa so nahe an Gold, Silber oder Bronze wie Deutschland im Sumō. Keine einzige Olympiamedaille ging seit Einführung der Sportart 1992 in Albertville nach Europa. Dagegen räumen die Asiaten ab, allen voran die Südkoreaner. 42 Medaillen gewann Südkorea, mit Abstand mehr als jedes andere Land. Shorttrack gehört zu den populärsten Sportarten des Landes. Von den 26 Goldmedaillen, die Korea je bei Winterspielen gewinnen konnte, gingen 21 an Shorttracker.