Seltsame Koreaner – wandern schon ob, bevor der Battle of the Bobs erst richtig losgeht. Der vierte Lauf des Zweierrennens hat noch nicht mal begonnen, der koreanische Schlitten mit Yunjong Won und Youngwoo Seo liegt sensationell auf dem 6. Platz, da verlassen die Gastgeber bereits in Scharen das Alpensia Sliding Centre.

Andererseits: Was sollen sie sich auch interessieren für einen Kleinkrieg um Hundertstelsekunden, dessen Ursprung irgendwo im fernen Europa liegt, wo zwei Bergvölker, die einander Piefkes und Schluchtenscheißer schimpfen, um die technische Herrschaft in der Formel 1 des Wintersports kämpfen?

Nach der Pleite von Sotschi, wo die erfolgsverwöhnten deutschen Piloten (allein im Zweier seit 1952 neunzehn Medaillen, davon sieben goldene) kein einziges mal Edelmetall ersteuern konnten, geht es in Pyeongchang nicht nur um die Rückkehr aufs Podest. Dass irgendeiner der drei deutschen Steuermänner schon was reißen würde, ist nach dem Verlauf der Saison so sicher wie Schlittschuh-Gold für Holland. Francesco Friedrich ist der Weltmeister und gewann den Titel bereits viermal in Serie. Johannes Lochner ist Weltmeister im doppelt so großen Schlitten. Und Nico Walther siegte in dieser Saison in fünf Weltcuprennen. Vor dem letzten Lauf liegen sie alle aussichtsreich auf den Plätzen 2, 3 und 5. Aber wer hat das bessere Material?

Bobfahren ist ein Dreikampf, es gibt drei "leistungsbestimmende Komponenten", wie das die Experten nennen: Start, Fahrleistung und Gerät. Als nach den Spielen 2014 selbst der traditionelle Konstrukteur der deutschen Schlitten, das aus dem DDR-Erbe gerettete Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES), zugeben musste, dass es ein Problem gebe mit dem Gerät, entschloss sich der Verband zu einem Technikwettstreit. Vom unabhängigen Tiroler Bastelguru Johannes Wallner, der in der elterlichen Garage nahe Innsbruck weltweit begehrte Schlitten zusammenschraubt, erwarb man zum Schätzpreis von rund 100.000 Euro pro Stück einige Schlitten.

Für den Staatsbetrieb FES eine schwere Demütigung, und fortan ging es darum, wer das schnellere Gerät baut: der Österreicher, der selbst Bob und Autorennen gefahren ist und auf dem Ofen in seiner Werkstatt schon mal Steaks brät, oder die Berliner Wissenschaftler in ihrem 85-Mann-Betrieb?

Der Anschieber erfährt vom Gold erst in der Kabine

Die Konkurrenten schenken sich nichts. "Die FES geht richtig heftig mit mir um", sagte Wallner noch vor wenigen Wochen zur ZEIT. "Das ist auch klar, bei denen geht es um die Finanzierung des Instituts und um Arbeitsplätze. Irgendwann wird die deutsche Bundesregierung fragen, wie es sein kann, dass das Institut mit Millionen finanziert wird, der andere bastelt in seiner Garage herum und ist schneller. Die haben echt ein Problem, und deshalb sind sie auch feindselig."

Für das Klima in der deutschen Mannschaft ist die Zweiteilung auch nicht einfach. Zwar belebt Konkurrenz das Geschäft, aber die Sportkameradschaft leidet. "Wir hatten ein schwieriges Jahr, weil wir darauf achten mussten, die Systeme zu trennen", sagte der Bundestrainer René Spies vor den Spielen. "Natürlich war von beiden Seiten ein bisschen Misstrauen dabei. Am Ende hat es aber alle nach vorne gebracht."

Es gipfelt im engsten Zweierrennen aller Zeiten, mit fünf Teams im Abstand von lediglich 28 Hundertsteln – und zwei Siegern.

Und die heißen nicht FES und Wallner, sondern Kripps/Kopacz und Friedrich/Margis. Das kanadische und das deutsche Team kommen nach zwei Tagen und fünfeinhalb im rasenden Tempo gefahrenen Kilometern auf die Tausendstelsekunde gleich ins Ziel. Der kanadische Anschieber Alexander Kopacz begreift gar nicht, was da passiert, erst in der Umkleidekabine, Minuten nach dem Zieleinlauf, klärt ihn sein Vordermann Justin Kripps auf: Gold für beide. Silber für keinen. Bronze für Lettland. Und Blech für die beiden anderen deutschen Teams.