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Recherche und Mitarbeit: Stefanie Sippel

Gedopt wird im Sport immer und überall. Das Ausmaß, in dem das in der DDR geschah, zumal auf staatliche Anordnung, ist allerdings einmalig. Sportlerinnen und Sportler bekamen damals anabole Steroide, Geschlechts- und Wachstumshormone sowie Schmerzmittel in extremen Dosierungen, oft unwissentlich. Für viele Betroffene hat das schwere Gesundheitsschäden zur Folge, die sich oft jetzt erst zeigen: an Herz, Nieren, Haut, Skelett oder an den Geschlechtsorganen. Manche haben Depressionen, Essstörungen oder sind traumatisiert. Gesprochen wird darüber wenig: Die Betroffenen trauen sich nicht, und die Täter und Täterinnen schweigen.

Fünf Menschen haben sich bereit erklärt, über das Doping in der DDR mit ZEIT ONLINE zu sprechen. Eine Diskuswerferin, die keine Siege errang und heute schwer krank ist. Die Tochter einer DDR-Kanutin, die die Folgen des Dopings ihrer Mutter an sich zu spüren glaubt. Ein Handballer aus der DDR-Oberliga, einer der wenigen Männer, der über seine Krankheiten redet. Eine Gymnastin, die nicht nur gedopt wurde, sondern auch Missbrauch anderer Art erlebte. Und schließlich eine Trainerin, die ihr damaliges Handeln bereut, sich aber auch selbst als Opfer sieht. Ihre Berichte ergeben ein Bild davon, wie das Dopingsystem der DDR funktionierte – und welche Folgen es bis heute hat.

Katja Hofmann, 44, Diskuswerferin, TSC Berlin

Ich lebe gerne, doch ich weiß, dass ich nicht sehr alt werde. Ich bin unheilbar krank. Zähle ich all meine Krankheiten auch nur in Stichworten auf, brauche ich Minuten. Ich gehe jede Woche mehrmals zum Arzt und zur Physio- oder Ergotherapie. Ich nehme jeden Tag etwa zehn Tabletten. Leider vertrage ich keine Schmerzmittel, die muss ich weglassen. Schmerzen plagen mich am Tag und wecken mich in der Nacht. Manchmal sind sie so stark, dass ich mich erbreche.

Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch, und ich versuche, meine gute Laune zu bewahren. Doch  jede Woche erleide ich mindestens eine Panikattacke. Es kann überall passieren, im Gedränge, in der S-Bahn. Meine letzte, sehr starke Panikattacke liegt ein paar Monate zurück. Es war im Kino, ich sah mit meinem Pflegekind einen Film. Als wir aus dem Saal gingen, bekam ich keine Luft mehr, mein Herz raste. Ich dachte, ich falle tot um. Mein Kind stand hilflos daneben. Ich hatte Glück, eine Passantin kümmerte sich um uns, bis es mir besser ging.

Als Jugendliche habe ich in der DDR Leistungssport gemacht. Ich war Diskuswerferin und bei der Spartakiade 1989 in Ost-Berlin die Viertbeste der DDR in meiner Altersklasse. Heute kennt mich so gut wie niemand, denn ich war nie bei Olympia und werfe schon lange nicht mehr. Doch mein Sport verfolgt mich. Denn wie ich heute weiß, wurde ich gedopt. Ungefragt. Immer wieder. Jahrelang.

Katja Hofmann sitzt in einem Café in Prenzlauer Berg in Berlin und lächelt freundlich. Sie ist sehr krank. Wie ihr geht es vielen ehemaligen Sportlerinnen und Sportlern der DDR. Sie wurden als Minderjährige unwissentlich gedopt. Experten gehen von 10.000 bis 15.000 Betroffenen aus. Im Vergleich mit der Normalbevölkerung sterben Dopingopfer im Schnitt zehn bis zwölf Jahre früher und haben ein etwa 2,7-mal so großes Risiko, körperlich schwerwiegend zu erkranken. Oft sind diese Menschen der Öffentlichkeit nicht bekannt, die allerwenigsten haben Karriere gemacht.

Wir waren Versuchskaninchen.
Katja Hofmann, 44

In meinem Sportclub in Berlin bekam ich damals Tütchen mit Pulver, das erste Mal mit 13 oder 14 Jahren. Dynvital stand drauf, damit fing alles an. Ich musste es schlucken. Vitamine, sagte meine Trainerin. Sie achtete darauf, dass ich es immer nahm. Sie tat so, als würde sie mir etwas Gutes tun. Ich habe ihr vertraut, aber sie hat mich betrogen. Ich weiß auch, dass sie nur am Ende einer Befehlskette stand.

Heute würde ich gerne mit ihr reden, traue mich aber noch nicht. Ich denke auch, sie würde nicht wollen. Meine Mutter bewahrt ein letztes Tütchen Dynvital auf. Sie lässt niemanden dran, sie will einen Beweis sichern.

Dieses alte Päckchen Dynvital, deklariert als Vitamine, bewahrt Katja Hofmanns Mutter auf. © privat

Ich habe meinen Sport geliebt. Als Kind hatte ich Idole. Ulf Timmermann war mein Vorbild und natürlich Katarina Witt. Ihre Autogrammkarte habe ich noch. "Wir sind besser als die aus dem Westen", erzählte man uns immer. In der DDR hieß Sport auch: "Der Einzelne zählt nichts." Wir waren Versuchskaninchen.


Nicht reisen können

Die Folgen merke ich heute. Ich würde gerne arbeiten. Bis vor drei Jahren war ich noch zehn Stunden pro Woche als Helferin in einer Arztpraxis. Heute geht selbst das nicht mehr, seit Februar 2015 bin ich Hausfrau. Auch da fühle ich mich schnell erschöpft, kann mich kaum konzentrieren, mir schmerzen bei sämtlichen Hausarbeiten die Hände.

Ich bin homosexuell. Das ist an und für sich kein Problem, auch nicht für meine Familie und Freunde. Dennoch frage ich mich, ob ich heute womöglich Männer lieben würde, wenn ich damals kein Pulver bekommen hätte.

© Florian Gaertner/Photothek via Getty Images

Um bis zu 12 Jahre
ist die Lebenserwartung von DDR-Dopingopfern reduziert.


Die Dopingsubstanzen haben viele Frauen vermännlicht. Ihre Stimmen wurden tiefer, ihnen wuchsen Haare an unüblichen Stellen, sie bekamen dicke Muskeln, ihre Geschlechtsorgane verkümmerten oder wucherten. Solche Veränderungen des Körpers führen manchmal zu Veränderungen der Identität, womöglich auch der psychosexuellen.

Meine Krankheit schränkt mich im Alltag stark ein. Vor Jahren bin ich im Urlaub nach Madeira geflogen. Das war riskant. Aufgrund meiner Gerinnungsstörung und der Thrombosegefahr darf ich keine langen Flugreisen mehr antreten. Vor dem Start spritzte ich mir also ein Mittel. Die Schmerzen in der Luft und danach waren dennoch sehr schlimm.

Ist das nicht komisch? Die Mauer steht schon länger als ein Vierteljahrhundert nicht mehr, aber die DDR hat es geschafft, meine Reisefreiheit bis heute einzuschränken. 

Katja Hofmann im Jahr 1987 © privat

Von der Politik kommt keine große Hilfe. Dabei müsste der Staat Verantwortung übernehmen, uns allen mit einer Rente helfen. Der Staat beging schließlich Missbrauch an unseren Körpern und Seelen. Wir sind ja nicht selbst schuld an unserem Schicksal. Es ist doch nicht normal, dass man mit Anfang 40 dauernd zum Arzt gehen muss wie andere mit 70 oder 80.

Das Dopingsystem der DDR war von Bürokratie gekennzeichnet. Überwacht wurde es von der Staatssicherheit, der Stasi. In Hochphasen waren im Sport rund 3.000 Spitzel aktiv. Die Athleten galten als Produkte "einer echten sozialistischen Gemeinschaftsarbeit". Eingebunden in das System waren die Wissenschaft, etwa das geheime Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport Leipzig, die pharmazeutische Industrie, vor allem der Volkseigene Betrieb Jenapharm, der die "blaue Wunderpille" (Oral-Turinabol) herstellte, ein anaboles Steroid, und die Sportverbände Deutscher Turn- und Sport-Bund, das Nationale Olympische Komitee sowie der Sportmedizinische Dienst. Das zentrale Dopinglabor in Kreischa kontrollierte ostdeutsche Athletinnen und Athleten nur aus einem Grund: damit sie im Ausland bei Wettkämpfen nicht aufflogen. Politisch verantwortlich war das Ministerium für Gesundheit.

Die Stasi hinterließ viele schriftliche Spuren. Hier ein Auszug aus einem Protokoll aus dem Jahr 1985, aus dem hervorgeht, dass die Verantwortlichen über mögliche Spätfolgen Bescheid wussten.

Quelle: Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR

Wenn ich meine Geschichte erzähle, schlägt mir oft Unverständnis entgegen. Es ist erst ein paar Jahre her, als ich zu einem Arzt in Berlin ging. Er sollte ein Gutachten erstellen, das mir bei der Anerkennung als Dopingopfer helfen sollte. Doch er weigerte sich, mich zu behandeln, und schickte mich weg. Später erfuhr ich, dass er in der DDR Sportarzt gewesen war. Manchmal denke ich, ich werde heute zum zweiten Mal Opfer.

Die Krankheiten, die ständigen Schmerzen und drohende tödliche Komplikationen sind meine ständigen Begleiter. Doch ich will nicht an die Zukunft denken, sondern einfach leben. Dass ich schwer krank bin, weiß ich seit etwa 20 Jahren. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Trost bietet mir mein Kind. Es ist elf und auch chronisch krank. Ich will Verantwortung für es übernehmen. Das gibt mir Mut und Hoffnung, dass mein Leben nicht noch schlimmer wird.