Wieso sollten Sie aufbleiben oder sich den Wecker stellen?

Natürlich, um das Eishockeyfinale zwischen den Olympischen Athleten aus Russland und Deutschland zu sehen.

In der sehr erfolgreichen deutschen Kinokomödie Männer von Doris Dörrie (1985) spielen die Charakterdarsteller Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht zwei gegensätzliche Typen, die in einer WG leben und um eine Frau konkurrieren. In einer Szene liegen sie auf dem Bett, im Fernsehen läuft ein Spiel der deutschen Eishockeynationalmannschaft. Das war kein Zufall, Eishockey war in den Achtzigern nach Fußball die Nummer zwei im deutschen Sport, galt sogar cooler als Fußball. Die damalige Mannschaft um Didi Hegen, Karl Friesen oder den Klassetechniker Gerd Truntschka konnte Achtungserfolge erzielen. Die Weltmeisterschaften und olympischen Turniere waren auch deswegen so populär, weil sie Kalter Krieg auf dem Eis waren: Nato gegen Warschauer Pakt, aber auch großer Bruder, UdSSR, gegen kleinen Bruder, CSSR.

Eishockey ist auch das Lehrbuchbeispiel dafür, wie sich eine Sportart ans Pay-TV verkaufen kann. Nachdem sich Premiere vor Jahrzehnten die Rechte an den Spielen der ersten Liga sicherte, ging es mit dem Sport in Deutschland bergab. Inzwischen läuft es aber wieder besser. Dem aktuellen deutschen Erfolg liegt eine Nachwuchsreform zugrunde. Sie verpflichtet die Vereine unter Androhung von hohen Geldstrafen seit Jahren dazu, Jugendspieler auszubilden und lizensierte Trainer zu beschäftigen. Das Vorbild ist Kanada, das Mutterland dieses Sports, das noch nicht ganz fassen kann, gegen eine Nation ausgeschieden zu sein, die 2014 nicht mal qualifiziert war.

Man muss den Sport aus verschiedenen Gründen lieben. Er ist schnell und spannend, hart, aber herzlich. Auch benutzt er schöne Worte: Bully heißt der Einwurf, Puck das Spielgerät. Wirft sich eine Mannschaft verteidigend in des Gegners Schüsse, sagt man: Sie isst Pucks. Die früheren deutschen Spieler trugen Namen, als hätte Ludwig Thoma sie erfunden: Erich Kühnhackl, Alois Schloder oder Beppo Schlickenrieder – der Trainer hieß wirklich Xaver Unsinn. Kenner sprechen den Sport übrigens wie der stets fluchende, aber nie unhöfliche bayerische Kulttrainer Hans Zach aus: "Aishokkai".

Musik gibt's auch. In den vielen Pausen ertönt in der Halle eine Orgel. Im Fußball würden konservative Ultras das als Vulgarisierung geißeln. Im Eishockey hingegen unterstreichen die ulkigen Jingles das Comichafte dieses Sports, der von rasanten Fahrten lebt, expressiven Bewegungen, Crashs, Banden-, Kugel- und anderen Checks. Und Schlägereien natürlich. Gendergerecht tun das übrigens auch die Frauen. Schöne Vorstellung, man würde dieses Tom-&-Jerry-hafte Treiben auf dem Eis im Fernsehen noch mit Lautmalerei unterlegen, mit Sprechblasen wie bei Micky Maus: Zabadong! Krrrzzz! Wham! Clonc!

Das Auftreten der deutschen Eishockeymannschaft in Südkorea ist – wenigstens aus deutscher Sicht – der zweite Höhepunkt dieser Olympischen Spiele neben dem Paarlaufgold für Aljona Savchenko und Bruno Massot. Das Verhältnis zu den Eiskunstläufern, mit denen sich Eishockeyspieler die Trainingshalle teilen, ist von Spott geprägt. Eiskunstläufer heißen im Hockeylager oft "Eiskratzer". Die Kunstläufer wiederum werden die Cracks mit den Schlägern für einen Haufen ungekämmte Rüpel halten. In ehrlichen Momenten zollen die Eishockeyspieler den Läufern aber Respekt für ihre feine Schlittschuhtechnik.

Verpönt sind vor allem die Fußballer. Die fallen zu schnell und zu viel. Das kriegt man als Kind im Eishockey schnell abgewöhnt. Angewöhnt bekommen die Kinder, dass man sich nach dem Spiel die Hand gibt, selbst wenn die Fäuste geflogen sind. Wichtigste Regel ist dabei immer: Der Torwart ist heilig. Wer den gegnerischen hart angeht, darf nicht mal mit der Solidarität der Mitspieler rechnen. Am besten dann gleich umziehen.

Durch den sensationellen Einzug ins Finale von Pyeongchang, der das Wunder von Innsbruck 1976 (Bronze) übertrifft, hofft das deutsche Eishockey auf einen Aufschwung. "Der Reporter sagte nach dem Sieg gegen Kanada den wunderschönen Satz: 'Eltern, schickt eure Kinder zum Eishockey!'", sagt Klaus Ritter. Der ehemalige Bayreuther Zweitligaspieler trainiert seit vielen Jahren den Nachwuchs bei den Nürnberger Ice Tigers. Eltern bräuchten keine Angst haben: Eishockey sei ein rauer Sport, aber auf Schutz werde großen Wert gelegt. "Wir achten sehr auf Technik, erst das Laufen, dann der Umgang mit der Scheibe, am Ende das Schießen."

Eishockey ist großer Kampf, da blutet schon mal die Oberlippe, aber es ist auch ein großes Spiel. Ein Beispiel: Patrick Reimers Siegtor gegen Schweden. "Mit Mut in den Torwart und den Abwehrspieler rein, scheibentechnisch erste Sahne, den Kopf immer oben, sehr willensstark. Er hat auch nicht den Penalty gesucht, sondern das Tor", sagt Ritter. "Eishockey von seiner besten Art."

Und sonst noch?

Um 7.15 Uhr gehen die Frauen an den Massenstart des Langlaufs (30 Kilometer). Im Curling wollen die Knoblauchmädchen aus Südkorea gewinnen. Und um 13 Uhr beginnt die Schlussfeier mit Dieter Thomas Bach.

Was macht der Medaillenspiegel?

Der Medaillenspiegel ist ja eigentlich uncool geworden, aber Deutschland kann am letzten Tag wieder an Norwegen vorbeiziehen.