Irgendwann müssen auch die härtesten Männer weinen. Kaum ein deutscher Spieler, der nach diesem so großen Finale des Olympischen Eishockeyfinals keine nassen Augen hatte. Der ein oder andere schämte sich auch nicht, ein paar Tränen aufs Eis tropfen zu lassen. Sie waren so nahe dran. Es fehlten 55,5 Sekunden.

Diese eine knappe Minute fehlte zur größten Sensation dieser Spiele. Deutschland, als Außenseiter gestartet, schickte sich an, Olympiasieger zu werden. Im Eishockey! Diese eine Minute vor Ende des letzten Drittels führte die Mannschaft 3:2. Sie hatte sogar einen Mann mehr auf dem Eis, weil Sergej Kalinin für Russland eine Zwei-Minuten-Strafe absitzen musste. Russland tauschte seinen Torwart gegen einen zusätzlichen Feldspieler aus, wie es Eishockeyteams eben so machen, wenn sie verzweifelt sind und noch einmal alles versuchen müssen.

Umstrittene Schiedsrichterentscheidung

Im dritten Drittel waren die Deutschen ohnehin besser als die Russen. Es sah aus, als ob Willen Talent schlagen würde. Der Abwehrchef Christian Ehrhoff, ein alter NHL-Veteran, spielte fast durch. Er sollte noch bei der Schlussfeier die Fahne tragen und man hatte deshalb Angst, er würde sie abends kaum noch halten können wegen dieses Finales oder es womöglich gar nicht mehr rechtzeitig ins Olympiastadion schaffen, weil es fast immer Unentschieden stand und wie lange sollte das denn bitte noch gehen? Dann bekam Jonas Müller den Puck, er hätte schießen können, aber er schaute und wartete, spielte noch einen Gegner aus und schob dann zum 3:2 ein, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht als das vielleicht entscheidende Tor in einem Olympiafinale.

Knappe drei Minuten lang war Deutschland Olympiasieger. Dann traf Gussew und es ging in die Verlängerung. Die Regel besagt, dass dort beide Teams mit einem Mann weniger spielen müssen, also vier Feldspieler gegen vier Feldspieler. Eine Zeitstrafe macht sich in so einer Konstellation schlecht, weil das Feld zu dritt gegen vier Spieler plötzlich sehr groß wird. Doch Patrick Reimer kassierte genau so eine Zeitstrafe, weil sein Schläger, wenn auch unabsichtlich, im Gesicht eines Gegenspielers landete. High Sticking, hoher Stock, zwei Minuten. 30 Sekunden später machte Kaprisow das entscheidende Tor.

Mit der Entscheidung der Schiedsrichter war hinterher nicht jeder einverstanden. "Ich dachte, man lässt uns Spieler das Spiel entscheiden", sagte Christian Ehrhoff.

"Wir waren so nahe dran. Wir dachten, wir hatten die Goldmedaille", sagte der Kapitän Marcel Goc hinterher. Es musste nur ein deutscher Spieler an den Puck kommen, das Tor des Gegners war leer. Doch 55,5 Sekunden vor Schluss landete der Puck nach einem Durcheinander bei Nikita Gussew, der zum Ausgleich traf. Wenig später dann das Tor zum Sudden Death, dem plötzlichen Tod. 

Es wird wohl einige Tage dauern, bis die deutsche Mannschaft versteht, dass es gar nicht so schlimm ist, diesen Tod gestorben zu sein. Es gibt wohl keinen Eishockeyexperten weltweit, der das Team vor zwei Wochen als Vizeolympiasieger sah. Der damit gerechnet hätte, dass diese Mannschaft erst den Weltmeister Schweden aus dem Turnier wirft, dann den Olympiasieger Kanada und, weil sie eben gerade dabei sind, auch im Finale den großen Favoriten Russland so lange nervt, dass er fast das Spiel verloren hätte.