Erst ganz am Ende wirkte der Mann mit dem schönsten Namen im Eishockey überfordert. Als sich nämlich seine jubelnden Mitspieler auf Danny aus den Birken stürzten, musste er zum ersten Mal an diesem Abend klein beigeben. Der deutsche Torwart ließ sich von dem schwarz-rot-goldenen Jubelknäuel an die Plexiglasscheibe drücken, die jedes Eishockeyfeld begrenzt. Rundherum lagen all die herrenlosen Schläger und Handschuhe auf dem Eis, die hatten die Deutschen ausgezogen, weil es sich ohne einfach besser jubeln lässt. Und wenn nicht an diesem Abend jubeln, wann dann?

Noch einmal ganz in Ruhe: 4:3 gewinnt Deutschland gegen Kanada. Nicht im Fußball, nicht im Biathlon, sondern im Eishockey. Gegen Kanada, jenes Land, in dem Neugeborene nach dem ersten Atemzug einen Puck in die Wiege gelegt bekommen, um sich schon einmal mit dem Nationalsport vertraut zu machen. Den Titelverteidiger aus Sotchi. Damit steht Deutschland im Finale des olympischen Eishockeyturniers. Das gab es noch nie. Und womöglich wird es das auch nie wieder geben. Doch, es ist ein Wunder.

Dieser Triumph ist auch schon jetzt größer als die Aufholjagd von Aljona Savchenko und Bruno Massot und kommt überraschender als das Gold der Snowboarderin Ester Ledecká im Skifahren. Und das Finale ist ja erst noch.

Nägelkauen erst am Ende

In den Katakomben des Gangneung Hockey Centres waren nach dem Spiel vor allem folgende Laute zu hören. "Geeeeiiiill!" Oder: "Jaaaaaaa!" Auch beliebt: "Wie kraasss!" Sie kommen von den Eishockeyspielern, die alle zwar glücklich, aber immer noch ein wenig ungläubig dreinschauten. Sie wirken auf ihren Schlittschuhen ja immer noch etwas größer und mit den Cuts und blauen Augen, die sie mit vom Feld bringen, auch martialischer, als sie in Wahrheit sind. "Wir werden morgen aufwachen und fragen, was hier passiert ist. Ich habe Gänsehaut", sagte Patrick Hager.

Dabei ist es gar nicht so schwer, zu beschreiben, was passiert ist: Deutschland war gegen Kanada zwei Drittel lang die bessere Mannschaft. Sie führte erst schnell, dann hoch, es stand 3:0 und 4:1. Erst als die Kanadier im letzten Drittel noch zweimal trafen, brach das große Nägelkauen aus. Kanada versuchte alles, nahm zum Schluss sogar seinen Torhüter hinaus, um einen Feldspieler mehr auf dem Eis zu haben. Aber es reichte nicht.

"Die Jungs haben Pucks gegessen"

Die deutsche Mannschaft dagegen spielt spätestens seit dem Viertelfinale gegen Schweden in einem Zustand, den man gerne als Rausch bezeichnet. Alles funktioniert, nichts geht schief. Das gibt Selbstvertrauen. Den Gegner macht es kirre.

Auf den Tribünen fingen die kanadischen Fans schon in der zweiten Drittelpause an, zu weinen. Auf der anderen Seite fand sich zwar nur ein versprengtes Häuflein deutscher Fans. Dafür wurden die Eishockeyspieler von anderen deutschen Olympionikinnen und Olympioniken angefeuert. Sie waren gut zu erkennen in ihren roten Outfits. Es wollten übrigens so viele Sportlerinnen und Sportler zum Eishockey gehen, dass noch einmal Karten nachbestellt werden mussten. "Macht sie alle, schießt sie aus der Halle", sang die deutsche Tribünenkolonie.

Derweil warfen sich die Deutschen, die auf dem Eis noch ihren Sport ausüben mussten, in jeden Schuss des Gegners. Das haben sie über das gesamte Turnier perfektioniert. "Die Jungs haben Pucks gegessen", sagte Danny van den Birken nach dem Spiel. Von den Zuschauern, die seitlich vom deutschen Tor sitzen, verlangt das stets erhöhte Wachsamkeit. Immer wieder fliegt ein von einem deutschen Verteidiger abgefälschter Puck über's Plexiglas auf die Sitzplätze. Wer direkt hinter dem Tor sitzt, zuckt minütlich zusammen, freut sich dann aber, dass das Fangnetz seine Funktion erfüllt.