So viele Tränen! So viel Glück! Das produziert nur das Eiskunstlaufen, die emotionalste aller Sportarten, das übervolle Herz dieser, aller Olympiaden. Am Ende reichen die Taschentücher gar nicht mehr, die Aljona Savchenko und Bruno Massot unentwegt aus der Box ziehen, die vor ihnen auf einem Couchtisch steht. Hinter einem Vorhang sitzt das deutsche Eiskunstlaufpaar, davor ist die Kiss-&-Cry-Ecke, jene Scharfrichterbank, auf der die Läufer nach ihrer Kür auf die Noten der Preisrichterinnen und Preisrichter warten. Dort sind bei dem deutschen Paar bereits die ersten Tränen geflossen, nach einer Weltrekordkür, die es in schier aussichtsloser Lage absolviert hatte.

Nun heißt es warten: Was macht die Konkurrenz aus Kanada, China, Russland? Sie alle zittern und zagen, wanken, stürzen. Das heißt für Savchenko und Massot: Sie haben es tatsächlich geschafft. Gold. Noch mal in der Mixedzone, weit mehr als eine Stunde nach dem Ende des Wettkampfs, bricht die fünffache Olympiateilnehmerin in Tränen aus.

Dabei hat am Tag zuvor alles schrecklich begonnen. "Fallen ist der Sterblichen Los", heißt es in Goethes Gedicht Winter. Der Klassikerfürst war selbst ein begeisterter, mitunter belächelter Eisläufer. "Es ist wieder Eis Bahn, adieu ihr Musen, oder mit hinaus auf die Bahn!" Vielleicht hätte es mit der Einbürgerung des Franzosen Bruno Massot schneller geklappt, wenn "Eislaufen in der deutschen Lyrik" Thema seiner Prüfung gewesen wäre. So musste er bis kurz vor Olympia Grammatik pauken, und vielleicht hätten weniger Tränen fließen müssen, um ganz oben zu stehen.

Das deutsche Paar galt als der große Favorit des olympischen Wettbewerbs. Doch dann schien eigentlich schon alles vorbei nach jenem Teil, der früher Pflicht hieß, was nicht mehr sein darf, weil es so sauertöpfisch klingt. Und das soll, darf nicht mehr sein in dem einzigen Wettbewerb, in dem aus Sport echte Kunst wird. Sieben vorgegebene Elemente müssen die Paare in dem nunmehr "Kurzprogramm" genannten Teil von zweieinhalb Minuten zeigen, darunter einen parallel ausgeführten Dreifachsprung.

Massot aber springt den Salchow nur zweifach. Seine Partnerin merkt es zunächst kaum, ahnt nur, dass er vor ihr fertig geworden ist mit den Drehungen. Spätestens beim Schlussapplaus steht die Wahrheit unübersehbar in seinem Gesicht: Wie ein bedröppeltes Kind, das schon wieder ein Loch in seine beste Hose gerissen hat und sich vor Mamas Zorn fürchtet, steht er da. 

Fehler bei einem einfachen Element

"Ich war heute nicht stark genug für einen Dreifachsprung", sagt er hinterher, während Savchenko mit eisiger Miene eine Art Quarantäneabstand zu ihm hält. Nach zwei Bronzemedaillen mit ihrem vorherigen Partner Robin Szolkowy will sie das Gold unbedingt, vielleicht zu sehr. Der Franzose Massot war ein guter, aber kein herausragender Läufer, als sie ihn auswählte für ihre historische Mission Olympia (nur drei deutsche Paare gewannen bislang jemals Gold, zuletzt Ria Baran und Paul Falk in Oslo, das war vor 66 Jahren).

Castings über Landesgrenzen hinaus sind im Paarlauf üblich, ein Tscheche für Italien, eine Estin für Russland, ein Belgier für Deutschlands zweites olympisches Paar – weil Spitzenkräfte so rar sind, ist der Wettbewerb ein Fest der Völkerverständigung. Angetrieben vom eisernen Willen der gebürtigen Ukrainerin Savchenko, die in der russischen Eislaufschule gedrillt wurde, inzwischen fürsorglich angeleitet vom Trainer Alexander König, kamen die beiden dennoch erstaunlich rasch auf ein herausragendes Niveau. Und nun der entscheidende Fehler bei einem vergleichsweise einfachen Element.

"Seine Quote bei dem Sprung ist super, er steht ihn fünfzig Mal und einmal nicht", sagt König mit ratlos geweiteten Augen nach dem Kurzprogramm. Aber im Paarlauf sei letztlich jeder noch so einfach aussehende Moment schwer. Auf was achten die Preisrichter nicht alles! Neben dem bloßen läuferischen Können und dem Beherrschen der Sprünge geht es um Übergänge, Timing, Sicherheit, Sauberkeit, Rhythmus, Balance, Präzision, Klarheit, Geschwindigkeit, Kraft, Persönlichkeit, Partnerschaftlichkeit, Klarheit der Technik, die Mühelosigkeit bei Tempowechseln, die "multi-dimensionale Nutzung und Gestaltung des Bewegungsraums", die "physische, emotionale, intellektuelle Durchdringung und Darbietung" des Stoffes. Da könnte selbst ein Großhirn wie Goethe ins Schleudern geraten.