Um all das auf die Reihe zu bekommen, haben sich die beiden helfen lassen von dem vielleicht Größten ihres Faches: dem Briten Christopher Dean, dem Olympiasieger 1984. Die damalige Kür mit seiner Partnerin Jayne Torvill zur Musik von Ravels Bolero ist so etwas wie die Sixtinische Kapelle des Eislaufens und revolutionierte den gesamten Sport. Sie gewannen allerdings Gold im Eistanz, nicht im Paarlauf, aber das wird das Ziel von Savchenko/Massot: den Paarlauf neu zu erfinden – mit den Mitteln des Tanzes. Dem auf immer mehr Athletik geeichten Sprungsport die Poesie zurückzugeben.

Gemeinsam kreieren sie zur Musik des Dokumentarfilms Die Welt von oben nie gesehene Bewegungen, Verschlingungen, ein Möbiusband menschlicher Körper, bei dem man zwischen unten und oben, innen und außen kaum mehr unterscheiden kann. Mitunter wissen die Läufer selbst nicht mehr, wie sich das Geflecht am Ende glücklich auflöst.

Nun ist dieses Zauberkunststück ihre letzte, kleine Chance. Nach Massots Patzer sind die großen Rivalen, die Paare Sui/Han aus China und Tarasova/Morozov, unabhängige Athleten aus Russland, fast sechs Punkte voraus, sogar die Kanadier Radford/Duhamel liegen knapp vor ihnen. Jetzt kann nur ein Weltwunder helfen. Im Teammeeting unmittelbar nach dem Kurzprogramm werden "ein paar klare Worte gefunden", wie der Trainer das nennt, dazu gibt es Facebook- und Presseverbot, "das irritiert doch nur". Das neue Motto: "Attacke!"

Beide haben nichts mehr zu verlieren. Das wird sie vielleicht frei genug machen, um alle Last den Konkurrenten aufzubürden. Das Losglück ist mit ihnen, sie starten als Erste der besten Vier – da kann man vorlegen. Aber die Preisrichter lassen vielleicht auch noch Luft nach oben. Ein Balanceakt, wie auch anders, auf dem Untergrund.

Lebensknoten lösen sich

Nach 4.40 Minuten ist das Wunder vollbracht. 159,31 Punkte leuchten auf dem großen Videowürfel über dem Eis, ein neuer Weltrekord – und ein klares Signal der Jury: So sehen unserer Meinung nach Olympiasieger aus. Savchenko liegt in ihrem dünnen Paillettenkleid platt auf dem Eis, erschöpft, überwältigt. "Als ich aufgewacht bin, dachte ich: Heute schreiben wir Geschichte", sagt sie später. "Wie Tiger" hätten sie kämpfen wollen. "Wir haben Silvester zusammen gefeiert und uns geschworen: 2018 wird unser Jahr werden. Und so ist es gekommen." 

Vergessen sind auch die bösen Blicke vom Vortag. "Gestern war es hart für mich", gibt Bruno Massot zu, "aber Aljona hat mir gesagt: Wir sind noch nicht fertig. Wir müssen allen zeigen, dass unsere Kür eine Goldmedaillenkür ist." Dann tritt er beiseite und dehnt auf dem Absperrgitter der Mixedzone seine Oberschenkel. Kunst ist schön, aber auch ganz schön anstrengend.

Ein Trainer, sagt Alexander König, dürfe nie zugeben, dass es eine perfekte Kür überhaupt geben könne. Aber nun hat er sie gesehen, von der Tribüne aus, diesen olympischen Moment wollte er inmitten der Zuschauer genießen. Nun gibt er den Trainerjob auf und geht zurück nach Berlin, seine Heimat. In diesem Wettkampf, in dieser Halle, auf diesem Eis haben sich in einem sporthistorischen Moment Lebensknoten gelöst und Lebenslinien vollendet.

Goethe, der so viel wusste vom Hoffen und Bangen, Streben und Scheitern der Menschen, hatte auch schon Worte für die magisch-versöhnende Macht des Eises:


"Alle streben und eilen und suchen und fliehen einander;
Aber alle beherrscht freundlich die glättere Bahn."