Langsam wird der Platz knapp an der Wall of Fame im Holland House. Zum 14. Mal schon hat das holländische Olympiateam sich eine "Heimat fern der Heimat" eingerichtet, diesmal auf dem Gelände des Lakai Sandpine Ressorts am Strand von Gangneung. Hier gilt strikt das Motto oranje boven, alles leuchtet in der Nationalfarbe Orange: Das Gebäude, Anzüge, Perücken, wagenradgroße Hüte, auf denen ganze Tulpenfelder wachsen. Sogar die Panade auf den Käsebällchen passt sich farblich an. Und an der Stirnwand des großen Partysaals hängen aufwändig gestaltete Fotoporträts der bisherigen Medaillengewinner – bislang zwölf Stück.

Wie machen die das bloß? Die Spiele sind schon fast zur Hälfte rum, und Holland liegt im Medaillenspiegel immer noch auf dem Bronzerang. Und das mit Medaillen in nur einer einzigen Art der Fortbewegung: auf Schlittschuhen. Läuft es so wie vor vier Jahren in Sotschi, müssen sie bei der Wand anbauen: Da gab es für das flachste Wintersportland der Welt sagenhafte 24 Medaillen, fünf mehr als für Deutschland mit all seinen Bergen, Bobbahnen, Biathlonstadien.

An diesem Abend soll zur Medaillenkollektion eine weitere goldene dazukommen, die wichtigste: für den Sieg über die tien, die Zehn. Das sind die 10.000 Meter, eine mythische Strecke, der Mount Everest der Eisschnellläufer. Knapp 13 Minuten Qual von höchster Eleganz, bei der die Athletinnen und Athleten scheinbar mühelos wie Uhrwerke vorgeplante Rundenzeiten abspulen und doch spätestens ab der Hälfte der Strecke am Rande des Kollapses dahingleiten. Wer lebend ins Ziel kommt, stakst danach übers Eis, als hätte er Steckschüsse in beiden Oberschenkeln. Bei den vergangenen fünf Olympischen Spielen haben die Holländer auf dieser Strecke elf von 15 möglichen Medaillen geholt, darunter viermal Gold. Nun soll die fünfte goldene Zehn dazukommen.

Wieso sind gerade die Holländer in diesem Sport so erfolgreich? Die US-amerikanische TV-Moderatorin Katie Couric hatte sich an einer Erklärung versucht: Schlittschuhlaufen sei ein "wichtiges Verkehrsmittel in einer Stadt wie Amsterdam", wegen der Kanäle und so. Prompt erntete sie einen Shitstorm in Oranje. Dabei hat die Kollegin gar nicht so unrecht, lag leider nur um ein paar hundert Jahre daneben.

Tatsächlich gehören die Holländer zu den Pionieren des Eislaufens, schon im 13. Jahrhundert beschlugen sie die Kanten ihrer Holzschuhe mit Metall und konnten damit einfache Bögen fahren. Ein holländischer Tischlerlehrling kam schließlich auf die Idee, das Eisen nicht flach an oder unter den Schuhen zu montieren, sondern senkrecht – die Kufen waren erfunden.

Heerenveen ist das Zentrum des Eislaufwunders

Das erste überlieferte Bild eines Eisläufers stammt natürlich auch aus Holland, es schmückt eine Biografie der Lidwina von Schiedam. Die katholische Heilige (so viel Kulturgeschichte muss jetzt sein, sonst versteht man die Medaillenflut nie) hatte sich der Legende nach beim Eislaufen eine Rippe gebrochen, erholte sich davon nie, war zeitlebens bettlägerig, wurde stigmatisiert (für Nichtgläubige: an ihrem Körper zeigten sich angeblich die Wunden, die Jesus bei der Kreuzigung zugefügt wurden), heilte mit ihrem Blut andere Kranke und gilt bis heute als Schutzpatronin aller Eisläufer. Auf dem Holzschnitt aus dem Jahr 1498 sieht man die Ärmste zusammengesunken nach ihrem Unfall – im Hintergrund skatet ein Mann ungerührt weiter.

Wenn man so will, wurde sogar das professionelle Eisschnelllaufen bei unseren Nachbarn erfunden. Schon um 1800 gab es Kurzstreckenrennen vor Tausenden von Zuschauerinnen und Zuschauern, bei denen gewettet werden konnte, und deren Sieger stattliches Preisgeld bekamen. Und 1885 stellt Wiebe H. de Vries in Heerenveen einen Weltrekord über die heute noch gelaufenen 500 Meter auf.

Heerenveen ist bis heute das Zentrum des holländischen Eislaufwunders. Hier steht Thialf, die Kathedrale dieses Sports, die Halle beherbergt die schnellste Flachlandbahn der Welt. Und hier ist auch Sven Kramer geboren, der größte Star des Landes, 25-facher Weltmeister, viermal Olympiasieger, inzwischen beinahe so legendär wie die heilige Lidwina. Nur ein Titel fehlt ihm noch zur Unsterblichkeit: das Gold über die Zehn.