Derart mit Spannungen aufgeladen wie in diesen Tagen waren Sport- und Weltpolitik wohl selten. Und da wird eine olympische Eröffnungsfeier, die in all ihrem Bombast und Kitsch immer eine hochsymbolische Veranstaltung ist, zum Lackmustest für die gegenwärtige Gemengelage. Jedes noch so kleine Detail reagiert mit der toxischen Umgebung und zeigt sie in neuem Licht, ein Hochfest der dialektischen Erkenntnis.

Schon auf dem Weg zum Stadion sind erste Vorboten zu sehen: Der Fluss am Rand der temporären Arena ist erstarrt unter einer dicken Eisschicht, hier fließt nichts mehr. Aber eingebacken in das starre Weiß sind die Abschussrampen für die Feuerwerksraketen, die den Abend immer wieder in ein höchst lebendiges, farbenfrohes, optimistisches Spektakel verwandeln werden.

Und ist nicht durch Olympia Bewegung in die Korea-Frage gekommen? Eben noch drohte der Norden mit Atombomben, jetzt schwenken Sportlerinnen und Sportler aus Nord und Süd gemeinsam die Fahne mit dem Umriss der Koreanischen Halbinsel. Wäre es nicht so verflucht eisig im Stadion (selbst mit Decke, Regenponcho, Biberfellmütze und Taschenwärmer sind die drei Stunden kaum auszuhalten), könnte es einem glatt warm ums Herz werden. 

Was macht es da, dass es die Wiedervereinigung unter der Flagge mit dem Umriss der Koreanischen Halbinsel schon mehrmals gegeben hat, zuerst bei den Spielen von Sydney 2000? Eigentlich ist seither nichts besser geworden, im Gegenteil, im Vergleich mit dem unberechenbaren Kim Jong Un, wirkte sein Papa Kim Jong Il allenfalls wie ein seltsamer Schrat. 

Demütigung für die Russinnen und Russen

Aber im frierenden Publikum lebt die Hoffnung auf bessere Zeiten, und so hat man auch schon mal die beiden nordkoreanischen Jubeltruppen im Oberrang freundlich eingemeindet. Auch dies ein tolles Bild: In ihren roten Uniformen bewegen sich die linientreuen Fans derart zackig, als würden sie von Pjöngjang aus ferngesteuert. Selbst wenn sie nicht Fähnchen schwenken, sitzen sie strammer da als ihre Landsleute aus dem Süden. Aber die wuseln mit ihren auf Dauerfeuer geschalteten Handys einfach um den Feind herum.

Als dann auch noch der Diktator und sein Widersacher Donald Trump gemeinsam auf der Pressetribüne einen großen Auftritt haben, überrascht das fast niemanden mehr. Leider handelt es sich nur um schön frisierte Doubles, die sich eingeschmuggelt haben und von den offiziellen Kameras ausgeblendet werden.

Auch sonst war die Feier, die gewöhnlich schwer unter der pseudoreligiösen Soße zu leiden hatte, die das IOC mit seinen Eiden, Fahnenappellen und Hymnen anrührt, voller heimlicher Pointen. Die mausgraue Uniform, in die das wegen seiner Dopingsünden neutralisierte russische Team gesteckt wurde, war eine fast noch größere Demütigung als das Verbot der Nationalfahne. Sie gingen in Sack und Asche und wackelten mit angezogener Handbremse hinter irgendeiner Fahne her.

Noch am Morgen hatte Deutschlands oberster Olympier, der DOSB-Präsident Alfons Hörmann, mit ungewohnt deutlichen Worten von Putins Sportsfreunden ein bisschen mehr Einsicht in das eigene Versagen gefordert. Aber da sei wenig zu machen, sagte er. Er komme sich vor wie der Vater, der ohne Erfolg seinen Kindern predige, dass es so nicht weitergehen könne.