Eigentlich war doch alles wie immer. Wenn Menschen in dünnen Textilpellen wettkampfmäßig auf Schlitten liegen, leuchtet in der Ergebnisübersicht hinter der "1" für gewöhnlich ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen. Rodeln ist seit jeher ein Synonym für deutsche Wertarbeit: Von den 15 Olympiasiegern seit 1964 kommen zehn aus Deutschland. Und seit den Spielen von Vancouver vor acht Jahren stand hinter der "1" und dem Fähnchen meist der Name Felix Loch. 

Vielfacher Weltmeister ist der Berchtesgadener, sechsmal hat er den Gesamtweltcup gewonnen. Und an diesem schneidend eisigen Abend im Sliding Centre von Pyeongchang sollte der dritte Olympiasieg dazukommen. Doch dann kam Kurve neun.

Die Medaillenzähler von Deutschem Olympischem Sportbund und Innenministerium hatten seinen Sieg fest eingeplant. Und alles war bereitet. Sogar ein Laubbläser, diese Menschheitsgeißel, kam zum Einsatz, um ideale Bedingungen zu schaffen. Weil es zu schneien begonnen hatte, schickte die Rennleitung einen kleinen Putztrupp durch die 1.376 Meter lange Eisröhre. Vorweg ein paar Männer mit Besen, dann der Chef an der Knatterpuste, um auch noch die letzten bremsenden Eiskristalle aus dem Weg zu räumen.

Der vierte Lauf schien bereits ein Selbstläufer

Nun hatte Loch freie Fahrt, zunächst für seinen dritten Lauf, in dem er mit einem weiteren Bahnrekord den entscheidenden Schritt zum Olympiasieg schon gemacht zu haben schien. Beinahe zwei Zehntel Vorsprung auf den Zweitplatzierten US-Amerikaner Chris Mazdzer – da schien der vierte Lauf ein Selbstläufer.

Die lange deutsche Dominanz hat vor allem strukturelle Gründe. Nirgendwo gibt es so viele der aufwändigen Anlagen wie hierzulande, nämlich vier. Außerdem leistet sich die Rodelrepublik zwei Hallen, in denen nur der alles entscheidende Start geübt werden kann, sogar im Sommer, damit das Gefühl fürs Eis auch bei Biergartenwetter nicht verloren geht.

Die Konkurrenz ist groß im deutschen Team, bei jedem Training geht es so eng zu wie bei einem Weltcuprennen. Und schließlich ist da noch die unendliche Tüftelei am Schlitten, die dem deutschen Wesen irgendwie zu liegen scheint. Vornehm Ingenieurswesen genannt, in der Volkssprache: Ich fahr' mal eben zum Baumarkt. Im Rodelbau findet die Heimwerkerrepublik Deutschland zu sich selbst.

Folgerichtig lag es auch nicht am Schlitten, dass Felix Loch seinen Titel nicht verteidigen konnte. Vielmehr hatte er zuletzt immer wieder mit für ihn ganz ungewohnten Schwächen zu kämpfen (das heißt auf deutsch: er wurde nicht immer Erster). Und mit der koreanischen Bahn kam er von Anfang an nicht so selbstverständlich zurecht wie sonst. Nur Siebter im ersten Trainingslauf, gar nur Zwölfter im letzten Test vor dem Rennen war er geworden. Und immer war da diese Problemkurve mit der Nummer neun.

Auch wenn es so aussieht, als würden die Rodler wie ferngesteuert auf Schienen zu Tal rasen, steckt doch jeder Lauf und jede Bahn voller Tücken. 125 Stundenkilometer erreichen die Fahrer. Das sagt und schreibt sich so dahin, aber was es wirklich bedeutet, erlebt man am Fernseher nur unzureichend. Erst an der Strecke wird die unglaubliche Wucht erlebbar, die so ein Doppelgeschoss aus Mann und Schlitten entwickelt. Wie ein fernes Grollen kündigt sich das Gespann an, dann jagt es schon vorbei, so schnell, dass man kaum den Kopf hinterhergedreht bekommt. Jeder Rodler zieht wie ein Schweif die Aaaaahs! und Oooohs! der abenteuerlich eingemümmelten Zuschauer hinter sich her.