Der ewige Kasai

Der japanische Skispringer Noriaki Kasai, 45, ist zum achten Mal bei Olympia dabei. Aneinandergereiht wäre er in seiner Karriere etwa 156 Kilometer in 96 Minuten geflogen. Hier der Videobeweis:

Diese eine Frage. Natürlich hat er sich diese eine Frage auch schon gestellt. Noriaki Kasai grinst und überlegt. Es sind minus 10 Grad und es fühlt sich noch kälter an. Seit einer Viertelstunde steht der Japaner in der Kälte und beantwortet Fragen. Er trägt Jacke und Mütze im Rot seines Landes, die goldene Skibrille hängt lässig an der Seite. Hinter ihm ragt die Skisprunganlage von Alpensia in den Nachthimmel, zwei Schanzen, eine große und eine sehr große. Wer hier unten steht, kann sich kaum vorstellen, dass sich dort Menschen hinunter stürzen. Kasai hat das besonders oft getan, öfter als jeder andere Skispringer vor ihm. "Ich glaube, ich bin insgesamt schon einmal um die Welt geflogen", sagt er schließlich.

Diese eine Frage war einfach und doch wieder nicht: Wenn er alle Sprünge seiner Karriere zusammenzählt, wie lange war er insgesamt in der Luft, wie weit ist er geflogen? 45 Jahre ist Kasai, seit rund drei Jahrzehnten ist er Profi-Skispringer. Pyeongcahng sind seine achten Olympischen Winterspiele, so oft hat kein anderer Sportler mitgemacht. Er sprang bei 13 Weltmeisterschaften und 537 Weltcups. Kasai ist ein biologisches Wunder, Publikumsliebling und lebendiges Maskottchen der Szene. Er war schon immer da. Und geht nicht weg. Wahrscheinlich könnten sich manche Springer eher daran gewöhnen, künftig nur mit einem Ski zu springen als Wettkämpfe ohne Kasai.

Aber wie weit und lang denn nun? Wir haben versucht, alle Wettkampfsprünge seiner Karriere zu addieren. So weit die Resultate verfügbar waren. Das Ergebnis: In 1272 Sprüngen ist Noriaki Kasai insgesamt etwa 156.000 Meter gesprungen, also 156 Kilometer. Das ist nicht einmal um die Welt, aber immerhin einmal von Berlin nach Magdeburg. In reine Skiflugzeit umgerechnet entspricht diese Weite ungefähr 96 Minuten. 96 Minuten lang ist Kasai in seiner Karriere durch die Luft geflogen, ohne zu landen. 96 Minuten der Traum vom Fliegen.

Ein Leben in der Luft. Wie lang und viel das ist, können Sie sich in unserer Animation anschauen. Seine unzähligen Trainings-, Probe- und Qualifikationssprünge haben wir nicht mal berücksichtigt, sonst müsste man das wohl mit 50 multiplizieren. Trainingssprünge schenkt er sich seit einer Weile ohnehin gerne, er kennt jede Schanze in- und auswendig. Anlaufradien, Neigungswinkel, Windanfälligkeiten und natürlich auch die Oma des Pförtners.

Die Mauer stand noch bei Kasais erstem Weltcup

Noriaki Kasai ist der Benjamin Button der Lüfte. Er scheint immer jünger zu werden. Jedenfalls nicht schlechter. Tausendmal musste er schon erklären, dass er sich das selbst nicht erklären kann. Er verweist dann stets auf seine guten Gene, lächelt und geht weiter. Ausführliche, persönliche Interviews gibt er so gut wie nie. Sein Englisch ist auch nach Jahrzehnten im Weltcupzirkus, der sich hauptsächlich in Europa aufhält, eher radebrechend. Aber vielleicht ist es genau diese Zurückhaltung, die ihn so beliebt macht. Es lässt sich schwer jemand finden, der Kasai nicht mag.

Fast alle Konkurrenten könnten seine Söhne sein. Und alle bewundern sie Nori, wie er genannt wird. "Er ist mein Held. Ich versuche nur von ihm zu lernen", sagte etwa der Norweger Daniel-André Tande einmal. "Von ihm habe ich mir die Haltung der Hände abgeschaut", sagt der Österreicher Stefan Kraft, "jetzt halte ich sie im Flug nach unten." Und sogar Skisprungstars im Ruhestand staunen noch immer. "Der ist vor mir gesprungen, mit mir gesprungen und jetzt springt er immer noch", sagte Sven Hannawald neulich im Interview mit ZEIT ONLINE.

Natürlich ist Kasai ein wenig älter geworden, man sieht es in seinem Gesicht. Auch das Haar ist etwas zotteliger, früher trug er es mal blond gefärbt, was man eben so machte in den Neunzigern. Als Kasai am 18. Dezember 1988 in Sapporo seinen ersten Weltcup bestritt, stand die Berliner Mauer noch, Bobby McFerrin versuchte, den Deutschen mit "Dont worry, be happy" auf Platz 1 der Charts die Griesgrämigkeit auszutreiben, zwei Tage zuvor wurde Mats Hummels geboren.

Vor allem aber sah Skispringen anders aus. Anhand von Noriaki Kasai lässt sich deshalb die Geschichte des Skispringens der letzten Jahrzehnte erzählen. Mit allen Neuerungen: die Umstellung des Stils, die weiten Anzüge, die engen Anzüge und so weiter.