Es war der politische Moment dieser Spiele: Nach dem großartigen Eishockeyfinale sangen die Spieler aus Russland ihre Hymne. Dies war ihnen eigentlich verboten, weil ihre nationalen Symbole nach dem russischen Dopingbetrug bei den Spielen in Sotschi 2014 aus Pyeongchang verbannt werden sollten. Ohne den Sieg gegen die Deutschen sportlich in Zweifel zu ziehen – das russische Team war in Wladimir Putins Lieblingssport wie eh und je in solchen Dingen am besten, die sich chemischer Nachhilfe entziehen, nämlich in der Puck- und Schlittschuhtechnik. Der Gesang der Russen war jedoch ein Ärgernis. Statt dankbar zu sein, dass sie überhaupt mitmachen durften, verhöhnten sie das IOC.

Die Russen können es sich halt erlauben. Dieses IOC und ihr deutscher Präsident Thomas Bach sind zu schwach, um Putin, dem mächtigsten Mann im Weltsport, die Stirn zu bieten. Diese Winterspiele waren dank herausragender Leistungen der Sportlerinnen und Sportler eine schöne Sache, Olympia ist eine schöne Sache. Auch gibt es einige Gründe, sich zu wünschen, dass es wieder mal in Deutschland stattfindet, wie zurzeit debattiert wird. Doch sportpolitisch war Pyeongchang ein weiterer Rückschritt.

Allen voran die Anti-Doping-Politik. Zwar hat sich Sotschi wohl nicht wiederholt, dort waren Urinproben unter der Regie des russischen Geheimdiensts im großen Stil manipuliert worden (pdf). "Ein beispielloser Angriff auf die Integrität der Olympischen Bewegung", sagte sogar Bach. Aber es war bloß eine rhetorische Härte.

Faktisch ließ er Milde walten. Das russische Olympiakomitee wird wohl nur von Dezember bis kurz nach Ende dieser Spiele gesperrt gewesen sein, also nicht mal ein Vierteljahr. Kleinere Länder wären für dieses Vergehen härter bestraft worden, doch in Pyeongchang starteten 168 Russinnen und Russen. Gegen die Empfehlung vieler Anti-Doping-Agenturen, auch der deutschen. Zur Empörung mancher Sportler, etwa des deutschen Olympiasiegers Arnd Peiffer.

Kritiker sind Verräter

In Pyeongchang hat das IOC seiner Appeasement-Politik gegenüber den Russen, die sich wie Opfer aufführen, ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Die zwei russischen Dopingproben tat es ohne detaillierte Prüfung schnell als Einzelfälle ab. Dabei sprechen sie aus Sicht von Dopingexperten eher dafür, dass das alte System noch lebt. Wie langlebig eine Dopingmentalität sein kann, sollte man gerade in Deutschland wissen, wo der verseuchte DDR-Sport noch Jahre nach der Wiedervereinigung weiterwirkte.

Doch das IOC hat entschieden, die Russen wieder in die olympische Familie aufzunehmen, bloß ein paar Tage Strafe müssen sie noch überstehen. Eine zu Recht kritisierte Entscheidung, heutzutage fliegen Doper oft erst Jahre nach ihren Medaillen auf. Man darf auch nicht nur auf die Russen schauen. Norwegen gewann in Pyeongchang die meisten Medaillen, bestellte aber auch das größte Arzneipaket. Asthmamittel sind nicht verboten, aber sie helfen in der Loipe auch den Gesunden.

Zweifelhaft war zudem, wie das IOC das Sportrecht angriff. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) hatte kurz vor den Spielen die Dopingsperren einiger Russinnen und Russen aufgehoben, ihnen persönlich war keine Schuld nachzuweisen. Das IOC ließ sie dennoch nicht antreten, Bach maßregelte den CAS öffentlich. Das Recht des Einzelnen, dieses liberale Grundprinzip, ist dem FDP-Politiker offenbar fremd. Seine Politik ist Putin-freundlich, nicht Russen-freundlich.

Das kann man sich von denjenigen bestätigen lassen, die das russische Dopingsystem aufdeckten, und nun in ihrem Exil um ihr Leben fürchten. Grigori Rodtschenkow, dem ehemaligen Leiter des Moskauer Labors, hat das IOC nicht für seinen Mut gedankt. Dass Bach der Leichtathletin Julia Stepanowa vor zwei Jahren das ethische Format absprach, sendet bis heute ein fatales Signal an potenzielle Whistleblower: Ihr seid Verräter!

Das IOC will Weltpolitik machen

So behandelt der Sport seine Abweichler: als Störenfriede. Das kanadische, verdienstvolle IOC-Mitglied Dick Pound wurde beschimpft und isoliert, nachdem er sich kritisch geäußert hatte. Das britische IOC-Mitglied Adam Pengilly, der als einziger Pound beisprang, musste Pyeongchang wegen einer Lappalie verlassen. Verbündete Bachs hingegen dürfen mehr. Der Ire Pat Hickey war vor zwei Jahren in Rio in einen Ticketskandal verwickelt, einer von vielen Korruptionsfällen des IOC. Der Präsident hielt lange an ihm fest.

Bach, seit fast fünf Jahren im Amt, wird immer mächtiger. Das muss man einem Politiker nicht vorwerfen. Aber dass er die Gewaltenteilung schwächt schon. Er nimmt Einfluss auf die Welt-Anti-Doping-Agentur und den Sportgerichtshof. Es schadet dem Sport, wenn diese Organe ihre Unabhängigkeit verlieren. Auch die Interessen der Athletinnen und Athleten bleiben zweitrangig. Das IOC schränkt sie in der Vermarktung ein. Bei Olympia ist sehr, sehr viel Geld im Spiel, bloß bei denen, die es "produzieren", kommt sehr, sehr wenig an. Deutschland springt mit Steuergeld ein, viele deutsche Olympioniken sind bei der Bundeswehr.

Bleibt noch Nordkorea. Dass Bach diesen Spielen diesen Fokus gab, war löblich. Auch wenn offen ist, von welcher Dauer diese Symbolpolitik sein wird – ein gemeinsames koreanisches Eishockeyteam ist eine gute Sache. Doch hat das IOC Integrität und Glaubwürdigkeit, um Weltpolitik zu machen? Was kann jemand wie Bach auf dieser großen Bühne bewirken, der in seinem Verband die Demokratie an vielen Stellen aufweicht? Falls es sich als Gastgeber für Olympische Spiele bewirbt, muss Deutschland wissen, mit wem es sich einlässt.