Im russischen Haus, das nicht russisches Haus heißen darf, grinsen die Matrjoschkas von den Wänden, als wüssten sie genau, was kommen wird. Bei Olympischen Spielen werden die Sportfans stets in hübsch gemachte Nationenhäuser eingeladen. So können diese Nationen zeigen, was sie am besten können. Die Tschechen überzeugen mit Pilsner Urquell, die Franzosen mit Lacoste-Hemden, die Deutschen mit Körnerbrötchen. Bei den Russen wird heißes Wasser aus dem Samowar gereicht und südkoreanische Kinder lassen sich die russische Flagge auf die Wange pinseln. Sie freuen sich, wenn sie etwas auf die Wange gepinselt bekommen, selbst wenn es die Flagge der Geächteten ist.

Das IOC hat die Sportnation Russland von den Spielen in Pyeongchang ausgeschlossen. Die Beweise für ein von staatlicher Seite gelenktes Dopingsystem waren erbracht (pdf). Es ging um Löcher in den Wänden von Dopinglaboren, durch die positive mit negativen Proben ausgetauscht wurden, und andere filmreife Details. Rund 1.000 Sportlerinnen und Sportler waren betroffen. Nach einigem Hin und Her durften 168, die als sauber gelten, starten. Sie werden Olympische Athleten Russlands genannt. Das IOC überwacht derweil, dass es in Pyeongchang nicht zu russisch zugeht. Verboten sind: russische Funktionäre, die russische Flagge, die russische Hymne und das russische Haus, das deshalb Sports House heißt.

Dort läuft auf der gigantischen Leinwand Eishockey, ein russischer Sender überträgt. Die Besucher lümmeln in großen Sitzsäcken. Russland, nein OAR, führt 6:1 gegen Norwegen. Die Hemden der Cracks sind rot und unterscheiden sich kaum von den Trikots der Helden, die in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern Gold gewannen. Sie sind als Replikas im Haus ausgestellt. CCCP kann man auf diesen Hemden noch lesen, da zählt ein junger Mann mit Mikrofon die letzten Sekunden des Spiels herunter. Tri, dva, odin, dann Jubel, Lichteffekte. Der DJ übernimmt, eine russische Band macht sich bereit. Dafür, dass Russland nicht da sein darf, ist ziemlich viel Russland da.

Eine der spannenden Fragen vor diesen Spielen war ja, wie die Russen mit der Strafe des IOC umgehen würden. Niemand hatte erwartet, dass sie plötzlich alles zugeben oder sich entschuldigen würden. Aber ob sie demütig auftreten würden oder schnippisch, bescheiden oder unversöhnlich, das war von Interesse. Vor allem, weil das IOC schon vor den Spielen andeutete: Benimmt sich Russland, wird die Sperre am Ende der Spiele aufgehoben, dann würden aus den OARs wieder Russen und die Fahne würde wieder auf der Schlussfeier wehen. Eine einberufene IOC-Kommission beobachtet das Verhalten Russlands. "Wort und Geist" der IOC-Entscheidung sollten eingehalten werden. Was das bedeutet, weiß zwar niemand. Aber die Frage bleibt: Haben sich die Russen benommen?

Die Nationalhymne ertönt auch in Südkorea

Die mausgrauen OAR-Jacken, in denen die russischen Sportlerinnen und Sportler in Südkorea unterwegs sind, täuschen jedenfalls. Ein Büßergewand ist das nicht. In der vorigen Woche gewann Nikita Tregubow Silber im Skeleton und freute sich. "Es fühlt sich absolut unglaublich an." Aber er hatte noch etwas anderes zu sagen: "Es ist traurig, dass meine Mannschaftskameraden nicht an meiner Seite sein konnten. Ich habe nicht nur für mich gekämpft, sondern auch für sie." Ein paar Tage später wurde er in einer russischen Talkshow gebeten, zu erzählen, wie er einen Amerikaner und einen Engländer verfluchte, weil sie ihn angeblich nicht gegrüßt hatten.

Auch der Shorttracker Semen Elistratow widmete seine Bronzemedaille allen, die "auf so gemeine und unfaire Weise" ausgeschlossen worden seien. Er war der erste OAR-Medaillengewinner dieser Winterspiele. Als er die Medaille im Sports House feierte, lief die Nationalhymne. Die Leute standen und sangen. Erst in diesen Tagen wurde bekannt, dass Elistratow 2016 mit dem inzwischen verbotenen Herzmittel Meldonium erwischt worden war. Wort und Geist.