Hält man es mit Goethes Gretchen ("Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles"), sind die Winterspiele 2018 aus deutscher Perspektive die erfolgreichsten aller Zeiten. Dreizehn Goldmedaillen sind schon jetzt Rekord. Doch der ganze Schland-Jubel kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland in einigen Kernsportarten des Winters massive Probleme hat. Und daran wird sich auch so bald nichts ändern.

Im Langlauf zum Beispiel geht seit Jahren wenig. Selbst die bilanzrettende Devise der jüngeren Vergangenheit ("Wenn du denkst, es geht nichts mehr, kommt irgendwo 'ne Staffel her") gilt diesmal nicht. Dabei werden im Alpensia-Cross-Country-Centre die meisten Medaillen vergeben. Langlauf ist mit seinen vielen Strecken, Disziplinen, Varianten das Schwimmen der Winterspiele. Ähnlich monoton ist auch die Trainingsfron: dem berüchtigten Kachelzählen beim Kilometerschrubben im Becken entspricht das Fichtenzählen entlang der Loipe.

Wer auf den schmalen Latten Talent und Ehrgeiz hat, geht meist zum Biathlon oder zur Nordischen Kombination. Da gibt es mit den Schieß- und Sprungeinlagen wenigstens Abwechslung, und wegen der vielen Erfolge in Vergangenheit und Gegenwart sind hier Siege und die Gunst des Publikums (samt der daran hängenden Einnahmequellen) viel eher zu erringen.

Selbst beim traditionellen Herz aller Winterspiele ist der deutsche Sport in den Zustand verschärften Kammerflimmerns geraten: beim alpinen Skifahren. Wie groß der Hype um die sich um sich selbst drehenden Snowboardartisten und Freestyler sein mag – die größten Stars werden immer noch in Abfahrt und Slalom gemacht. Nach drei Medaillen in Sotschi gab es für Deutschland an den Hängen des Taebaek-Gebirges gar nichts zu gewinnen. Dabei hatte eigentlich alles gut begonnen: Vierzehn Aktive hatten sich qualifiziert – "so viele wie seit vier Olympiaden nicht", sagt Wolfgang Maier, der Alpindirektor des Deutschen Skiverbands. Der Parallelkreuzbandriss von Felix Neureuther und Stefan Luitz war ein erster schwerer Rückschlag.

Die Abfahrer haben in den vergangenen Jahren zwar einen gewaltigen Sprung gemacht. Aber am Ende "sind wir entsprechend unserem derzeitigen Leistungsstand angekommen", sagt Maier. Der Streif-Sieger Thomas Dreßen wurde Fünfter, genau dort steht er auch in der Weltrangliste. Gewonnen hat die Nummer eins, der Norweger Aksel Lund Svindal. "Auf dem Niveau macht Erfahrung den Unterschied", sagt Maier. "Svindal ist 35 und hat schon alles gewonnen, Dreßen ist 24 und erst im zweiten Jahr Weltspitze." Zudem haben die Deutschen auch erst jetzt wieder eine Chance, bei der zur Wissenschaft mutierten Materialentwicklung vorne dabei zu sein. "Wenn du 20 Jahre lang keinen Kontakt zur absoluten Weltspitze hast, musst du auch materialtechnisch wieder auf die Höhe der Zeit kommen."

Frauenmangel im deutschen Skisport

Einzige echte Medaillenhoffnung blieb also Viktoria Rebensburg, immerhin Weltranglistenerste im Riesenslalom. In ihrer Spezialdisziplin wurde sie Vierte, dazu Neunte in der Abfahrt und Zehnte im Super-G. Ordentlich, aber eben auch nicht so glanzvoll wie "die Maria", Maria Höfl-Riesch, die bis 2014 auf und neben der Piste eine verlässliche Frontfrau der Alpinen war.

Maier weiß natürlich, dass die olympische Währung Medaillen sind. Aber er macht Rebensburg keinen Vorwurf, "am Ende ist eine Platzierung in der absoluten Weltspitze kaum steuerbar, ob du Erster oder Fünfter wirst". Sorgen bereitet dem Alpindirektor vielmehr, dass er außer Rebensburg keine echte Spitzenläuferin mehr im Team hat. "Es gehen immer weniger Frauen in den alpinen Leistungssport, er fordert viel Einsatz – Zeit, Geist und Körper."

Der Konkurrenzkampf ist gnadenloser als in allen anderen Wintersportarten, wo die Zahl der professionellen Athletinnen überschaubar ist. Die Alpin-Weltrangliste verzeichnet 2.000 Fahrerinnen, die alle um den Durchbruch kämpfen. "Zudem hatten wir in der Vergangenheit etliche schwere Verletzungen, das hat sicher auch abschreckend gewirkt."

Wegen des Schnee- und Geldmangels werden zudem kaum noch Rennen auf der zweiten Ebene unterhalb der Weltspitze organisiert, in denen Talente aufgebaut werden könnten. Das Reservoir an Nachwuchskräften sei einfach aufgebraucht, sagt Maier, die "Ausbildungskette abgerissen, daher versuchen wir seit einigen Jahren, neue Strukturen zu installieren". Der Frauenmangel sei in allen Skinationen ein Problem, "aber bei uns schlägt's besonders durch".