Am Ende hat sich die deutsche Rodelleidenschaft noch einmal potenziert. Tobias Wendl und Tobias Arlt, die schon im Doppelsitzer Gold gewannen, hatten noch gar nicht richtig gebremst, da stürzten sich schon Natalie Geisenberger und Johannes Ludwig auf sie, die ihre Gold- und Bronzemedaillen nur nicht mehr um den Hals baumeln hatten, weil es sich mit ihnen schlecht Schlittenfahren lässt. Gold plus Gold plus Bronze ergibt Gold in der Teamstaffel. Das weiß jeder, dafür braucht es nicht einmal ein Rodeldiplom.

Mit drei von vier zu vergebenen Goldmedaillen schreiben die Rodlerinnen und Rodler in Pyeongchang genau die aus fremdländischer Sicht furchterregende Statistik fort. An Deutschland schlittert keiner vorbei. Seit 1964 wird olympisch gerodelt, seitdem gewannen die Deutschen etwa 75 Prozent aller Goldmedaillen, auch die DDR war stark im Rodeln. Drei von fünf aller vergebenen Medaillen gingen an deutsche Rinnenraserinnen und -raser. Außer im Tischtennis, in dem China schier unbesiegbar ist, geht es in kaum einer anderen olympischen Sportart so monokulturell zu. Deutschland, einig Rodelland.

Rodeln wird vom deutschen Sport daher ausgiebig gefördert und von den Öffentlich-Rechtlichen ausgiebig übertragen. Das Publikum dankt es mit Treue und Hingabe. Während der vergangenen Spiele in Sotschi landeten die Rodelübertragungen auf Platz eins, fünf und acht im Einschaltquotenranking. Von den Sendezeiten, die Rodeln abgreift, können die Schulsportarten Leichtathletik, Schwimmen oder Turnen nur träumen.

Da ist es offenbar egal, dass der gesellschaftliche Nutzen des Rennrodelns überschaubar ist. Das Konzept, sich mit 140 Stundenkilometern unter Laborbedingungen eine Eisröhre hinunterzustürzen, ist für die meisten Menschen im praktischen Leben eher wenig zugänglich. Aber Rodeln ist erfolgreich. Und nichts hört man im Sportland so gern wie die eigene Hymne.

Rennrodeln kommt direkt aus der deutschen Seele, die viel ihres Selbstverständnisses aus Tüftelei (Baumärkte!) und Geschwindigkeit (Autobahnen!) zieht. Doch Rodeln ist eine Nischensportart. Nicht nur anderswo, sondern auch im Rodelland. Der Bob- und Schlittenverband weist für 2017 gerade einmal 6.961 Mitglieder aus, und da sind die Bob-, Skeleton- und Naturbahnfahrer schon dabei. Was die Zahl der Mitglieder angeht, schafft es der Verband von allen 63 deutschen Spitzenverbänden nur auf Platz 58. Selbst organisierte Minigolferinnen, Dartspieler und Rugbyrecken gibt es jeweils mehr.

Rodeln steht symbolisch für die Winterspiele

Weltweit zählt das Rodeln etwa nur 7.000 Aktive – in allen Altersklassen. Man wird lange suchen müssen, um eine olympische Sportart zu finden, die von weniger Menschen betrieben wird. Rennrodeln ist damit ein Symbol des Wintersports, es treibt dessen Grundproblem auf die Spitze: Im Gegensatz zum 100-Meter-Lauf, bei dem theoretisch alle 3,5 Milliarden Männer dieser Welt ein Konkurrent Usain Bolts oder alle 3,5 Milliarden Frauen eine Konkurrentin der Olympiasiegerin Elaine Thompson sein könnten, setzen Wintersportarten eine Bedingung voraus: Winter. Den gibt es nicht überall.

Bei den Olympischen Sommerspielen in Rio waren 207 Nationen dabei. In Pyeongchang sind es nur 91. Nicht einmal halb so viele, andererseits so viele wie noch nie im Winter. Doch in vielen kennt man Schnee und Eis nur vom Hörensagen oder von Bildern. Sportlich sind sie chancenlos, sorgen allenfalls für herzige Außenseitergeschichten. Um konkurrenzfähig zu sein, müssten sie auswärtig trainieren, was nicht unmöglich, aber teuer und aufwändig ist. Dass sich Jamaikas Bob zum Debüt 1988 in der Badewanne vorbereitet hat, sieht zwar im Kinofilm gut aus, ist aber Hollywood.

Natürlich steckt hinter jedem unfallfreien Lauf beim Rennrodeln eine immense sportliche Leistung. Die Fahrerinnen und Fahrer sind Eisartisten, ein Normalo würde sich auf solch einem Schlitten den Hals brechen. Aber falls die Gleichung gilt, je weniger Aktive, desto geringer die Konkurrenz, stellt sich eine Frage: Wie viel ist eine Goldmedaille in einer Sportart wert, die so wenige Menschen ausüben?