Nach nicht mal einer halben Stunde fliegt zum ersten Mal das Dach weg. Choi Min Jeong aus Südkorea gewinnt ihren Vorlauf über 1.500 Meter und man sorgt sich schon jetzt um die Stimmbänder des Landes. Die Leute müssen ja noch einen ganzen Abend durchhalten, noch eine ganze Woche. Wie soll das gehen?

Geschont wird niemand beim Shorttrack. Shorttrack tut weh. Den Sportlern, den Zuschauern, dem Eis, allen. Das macht die Abende in der Gangneung Ice Arena zum Aufregendsten, was diese Olympischen Spiele zu bieten haben. Dicht an dicht brausen die Schlittschuhsprinter um die Kurven. In einer Schräglage, über die jeder Motorradprofi staunen würde. Nur ist Eis rutschiger als Asphalt. Ständig kracht jemand in die Bande, die zum Glück gepolstert ist.

Südkorea ist die Shorttrack-Nation schlechthin. Läuft im Taxi auf dem kleinen Monitor über dem Navi Olympia, dann Shorttrack. Wenn es emotional wird, dann im Shorttrack. Als die Kanadierin Kim Boutin Anfang der Woche Bronze über 500 Meter gewann und nach Meinung südkoreanischer Fans dabei die Volksheldin Choi Min Jeong behindert hatte, wurde sie beschimpft und erhielt Morddrohungen.

Warum die Eishatz ausgerechnet in Südkorea so beliebt ist, ist nicht klar. Fest steht, dass Shorttrack 1992 erstmals olympisch war. Damals holte Kim Ki Hoon das erste Winterspielgold in der Geschichte Südkoreas. Es setzte ein Becker-Effekt ein. Ki Hoon machte sich nicht mit Boulevardstorys lächerlich, das nicht, aber jedes Kind wollte fortan Shorttrack laufen. Südkorea sah in dem jungen Sport Möglichkeiten.

Das Land baute Eishallen und Eisringe, sucht seitdem in den Grundschulen Talente. Runde um Runde muss der Nachwuchs in jungen Jahren runterreißen, lernt das grazile Gleiten auf der kurzen Geraden und die rasanten Kurvenfahrten, während denen sich die Läuferinnen mit einer Hand ganz leicht auf dem Eis abstützen. Selbst die jüngsten Läufer werden oft von ehemaligen Olympioniken trainiert. Es lohnt sich. Ki Hoons Erfolg 1992 folgten bis heute 20 Goldmedaillen.

Besuch des Staatspräsidenten

Am Samstagabend sind alle bereit für Nummer 22. Zunächst aber landen die Sportler auf dem Hosenboden. Die Kanadierin Marianne St. Gelais stolpert und reißt fast einen Schiedsrichter mit. Bei ihrem Crash hackt sie mit der Kufe eine tiefe Narbe ins Eis, die mit einer Maurerkelle und einem Eis sprühenden Feuerlöscher verarztet werden muss. Elise Christie aus Großbritannien kracht in die Bande und wird auf einer Trage aus der Halle gefahren. Ihre Knochen blieben heil.

Zwischen den Rennen, wenn dicke Maschinen das Eis polieren, gibt es K-Pop auf die Ohren. Oder Samba. Oder koreanischen Rap. Am beliebtesten ist die Dance Cam auf dem großen Videowürfel, mittels der nichtsahnende Zuschauer sich zum Affen machen sollen. Am meisten freuen sich die Südkoreaner, wenn Ausländer im Gangnam Style tanzen.

Plötzlich überall ernst aussehende Männer mit Knopf im Ohr. Auf der Tribüne, im Gang. Der südkoreanische Staatspräsident Moon Jae In ist da. Als sein Gesicht auf dem Würfel gezeigt wird, applaudieren die Leute freundlich, er applaudiert zurück.