Bars sind ein guter Ort, um Menschen aufs Maul zu schauen, um Stimmungen zu erfassen und Meinungen zu ergründen. Im The Fours, der bekanntesten Sportkneipe Bostons, genügt schon ein kurzer Blick in die Karte zur Klärung der Frage, wen sie hier für den größten Athleten in der an großen Athleten nicht gerade armen Historie der Stadt halten. Sämtliche Gerichte sind nach Sportstars benannt, es gibt das Larry-Bird-Sandwich mit gegrilltem Hähnchen, Tomaten, karamellisierten Zwiebeln und Pesto. Oder den Red Auerbach, eine Krabbentorte mit Remoulade, Salat und Tomaten. Über all den Legenden thront in der Karte der Name eines Mannes, der noch immer aktiv ist, selbst im fortgeschrittenen Alter von 40 Jahren: Tom Brady, Quarterback der New England Patriots. Ihm hat der Besitzer seinen besten Burger gewidmet.

"Brady ist der mit Abstand größte Sportler der Geschichte, keine Diskussion", sagt ein Barkeeper und deutet auf einen gewaltigen Holzrahmen mit dem blau-weiß-roten Trikot der Patriots, natürlich original signiert vom Spieler mit der Nummer 12. "Tom ist höchstpersönlich vorbeigekommen, um zu unterschreiben", sagt er, "können Sie sich das vorstellen?" Bürgernah und geerdet soll er also auch noch sein, ihr Tommy. Sagen sie jedenfalls in Boston. Außerhalb der Patriots-Fan-Gemeinde ist Brady dagegen verhasst; er polarisiert, gilt als eitel, unnahbar, arrogant, erfolgsverwöhnt. Ein klassisches Sonntagskind, der am Ende des Tages, wenn er mal wieder die gegnerische Mannschaft besiegt hat, auch noch mit dem Supermodel Gisele Bündchen nach Hause geht. Seit 2009 ist das Paar verheiratet. Neid ist und bleibt eben die höchste Form der Anerkennung.

Der größte aller Zeiten?

Wie man es auch sieht: Bradys Erfolge stehen außer Frage. In den Tagen vor dem Super Bowl läuft in den USA deshalb die Debatte, ob sein Vermächtnis größer ist als das von Michael Jordan. Bislang galt es unter Fans und Beobachtern als ausgemachte Sache, dass erst mal ein Sportler auf die Bildfläche treten muss, der dem Status des Über-Basketballers – sechsfacher NBA-Champion, Olympiasieger, weltweite Werbeikone – überhaupt gefährlich werden kann. Nun ist die Debatte neu entflammt, Tom Brady klopft an die Tür.

Nach Titeln kann der 40-Jährige am Sonntag im Endspiel der National Football League (NFL) mit Jordan gleichziehen. Fünf Super-Bowl-Trophäen (2001, 2003, 2004, 2014, 2016) hat Brady in den vergangenen 17  Jahren bereits gewonnen, so viele wie kein Quarterback vor ihm. Mit dem Finalsieg 2017 gegen Atlanta übertrumpfte er selbst den legendären Joe Montana (4). Am späten Sonntagabend deutscher Zeit (22.50 Uhr, auf ProSieben und im ZEIT-ONLINE-Liveblog) nimmt er mit seinem Team Anlauf auf Titel Nummer sechs.

Gegner bei der 52. Auflage des Super Bowls, die im neu errichteten Football-Stadion von Minneapolis steigt, sind die Philadelphia Eagles. Im Duell mit dem Überraschungsteam der Play-offs ist New England klarer Favorit bei den Buchmachern. Auch deshalb zielen viele Fragen schon vor dem Kick-off über das Endspiel hinaus: Was passiert, wenn Brady und die Patriots das halbe Dutzend vollmachen? Muss dieser alte Sack von 40 Jahren dann nicht auf dem Höhepunkt  zurücktreten? Endet seine Ära vielleicht sogar im Falle einer Niederlage? Oder geht es einfach immer, immer weiter?

Die Fans aller anderen 31 NFL-Teams hätten sicher nichts gegen Bradys Rücktritt einzuwenden, im Gegenteil: Ihre Erfolgsaussichten auf einen Meistertitel würden über Nacht um ein Vielfaches steigen. Zu sehr haben sie in den vergangenen Jahren unter New Englands Vorherrschaft gelitten, zu viele bittere, fragwürdige, herzzerbrechende Niederlagen gegen das Footballteam aus Boston kassiert. Meistens lief es wie im Bundesligafußball, wo am Ende fast immer der FC Bayern gewinnt, gern auch unterstützt durch seltsame Schiedsrichterentscheidungen. Im Finale 2016 drehten die Patriots einen scheinbar aussichtslosen 3:28-Rückstand und gewannen noch 34:28 – die größte Aufholjagd der Footballgeschichte auf der denkbar größten Bühne.

Welch herausragender Leistung die fünf bisher errungenen NFL-Titel der Franchise gleichkommen, zeigt ein Blick in die Statistik: 13 der 32 NFL-Teams haben noch nie einen Super Bowl gewonnen, Finalgegner Philadelphia etwa wartet seit 1960 auf eine Meisterschaft (damals gab es den Super Bowl noch nicht). Manche Teams wären schon froh, wenn sie die reguläre Saison überstehen und mal wieder in die Play-offs einziehen könnten; die Cleveland Browns etwa qualifizierten sich zuletzt vor 15 Jahren für die K.o.-Phase. Brady führte seine Mannschaft seit 2001 zu fünf Titeln, zuletzt erreichte New England achtmal in Folge mindestens das Halbfinale.

In den USA wird das bereits als dominante Phase betrachtet, weil das Sportsystem komplett anders gestrickt ist als beispielsweise im europäischen Fußballzirkus; bei der alljährlichen Talentwahl, der Draft, haben die schlechtesten Teams der Saison zuallererst Zugriffsrecht auf die Talente vom College. Wer also – wie New England – beständig gut ist, dem bleibt beim Draft nur der Gang zum Grabbeltisch. Zudem gibt es für alle Clubs eine Gehaltsobergrenze, die Chancengleichheit gewähren soll. Diese Regeln sollen – rein theoretisch – verhindern, dass es Serienmeister gibt.