Es ist nicht lange her, da hatten viele ein mulmiges Gefühl, wenn sie an die Olympischen Spiele in Pyeongchang dachten. Ob man da überhaupt hinfahren könne, fragten sich Fans und Sportler im Herbst, schließlich testete Kim Jong Un in Nordkorea gerade eine Interkontinentalrakete nach der anderen. Frankreichs Sportministerin und der UN-Botschafter der USA kündigten einen Boykott Olympias an, wenn die Sicherheit während der Spiele nicht garantiert werden könne.

Die Biathletin Laura Dahlmeier und der Rodler Felix Loch erzählten der Bild-Zeitung, dass sie sich Sorgen machten ("Unsere Olympia-Stars in Angst"). Felix Neureuther sagte, es gehe doch nicht, dass er bei Olympia alles geben, ein anderer dagegen das Land zerbomben wolle.

Sie sind nun doch fast alle gekommen. Kaum noch jemand hat Angst, dass ihm eine Rakete auf den Kopf fällt. Als fieseste Bedrohungen gelten derzeit die Kälte, die einen mit den Zähnen klappern lässt, und das Norovirus, das Teile des Sicherheitspersonals, der Polizei und der freiwilligen Helferinnen und Helfer zunächst auf die Toilette und dann in Quarantäne geschickt hat. Unappetitlich, aber keine Wasserstoffbombe.

Nord- und Südkorea werden am Freitag unter einer Flagge zur Eröffnungsfeier einmarschieren. Im Eishockey der Frauen werden sie mit einem gemeinsamen Team antreten. Nordkorea hat auch eine Musikkapelle geschickt, deren beiden Konzerte in Gangneung und Seoul ausverkauft sind. Tickets für Spiele des Eishockeyteams gibt es nur noch zu Mondpreisen. Und im südkoreanischen Fernsehen lief in diesen Tagen in Dauerschleife, wie die nordkoreanischen Sportlerinnen und Sportler im olympischen Dorf empfangen und von Breakdancern an westliche Jugendkultur gewöhnt wurden.

Angreifen wird Kim Jong Un die Spiele also sicher nicht. Und mehr noch: Nord- und Südkorea reden wieder miteinander. Das ist eine kleine Sensation, vielleicht gar eine große.

Zwei Jahre hatte es keine direkten Gespräche zwischen beiden Ländern gegeben. Dann trafen sich im Januar Minister und Vizeminister aus Nord- und Südkorea in der entmilitarisierten Zone zwischen beiden Ländern. Sie redeten über: Sport.

Das IOC gehört abgeschafft, denken manche

Da war er wieder, der Sport als Türöffner. Gibt es nichts mehr zu bereden – Sport geht immer. Das ist nicht nur beim Essen mit den Schwiegereltern so, sondern auch zwischen nord- und südkoreanischen Ministern.

Eigentlich gibt es viele Gründe, Olympische Spiele schrecklich zu finden. Rund um die Posse um die gedopten oder nicht gedopten russischen Sportler blamiert sich das Internationale Olympische Komitee (IOC), so gut es kann. Überhaupt wird ein beträchtlicher Teil der Medaillen erst nach den Spielen vergeben, ohne Zuschauer, ohne Kameras, wenn nämlich mal wieder ein Doper sein Gold abgeben muss.

Zudem ist Olympia nicht mehr überall wohlgelitten, gerade die Winterspiele wollen sich demokratische Länder kaum noch aufhalsen. Zu teuer, zu wenig nachhaltig, zu erpresserisch. Und wie die IOC-Herren in Luxuskarossen vor Luxushotels vorfahren, will außer den Hotelbesitzern auch niemand mehr sehen. Man kann der Meinung sein, alle großen Sportorganisationen wie das IOC und die Fifa sind so dem Mammon verfallen, sie haben derart ihre Aufgabe aus den Augen verloren, in ihnen riecht es so nach Klüngelei und Prass, dass sie abgeschafft und auf der grünen Wiese neu aufgebaut gehören.

Eines aber muss man den Herren der Olympischen Spiele zugestehen. Ihr Mantra, Sport verbinde die Völker und baue Brücken, klingt vielleicht hohl und ermüdend, stimmt manchmal aber eben doch. In diesem Fall trifft es zu. Nord- und Südkorea nähern sich durch die Spiele wieder, ein wenig zumindest.

Für das IOC ist das ein Glück, ihm ist ein Friedenstäubchen zugeflogen, für den Nobelpreis wird es nicht reichen. Und ein gutes Werk tilgt nicht alle Sünden. Aber dass das IOC in diesem Fall auf Nordkorea eingewirkt und ermutigt hat, das Gesprächsangebot des Südens anzunehmen, ist unbestritten. Das darf man ruhig auch mal anerkennen.