Da fielen sie wieder vom Himmel, wie Manna, das in der Bibel die Israeliten nährte. Nur hatte sich die Sache dieses Mal nicht der liebe Gott ausgedacht, sondern die Kuscheltierindustrie. Dutzende Stoffbären regneten aufs Eis. Die Mädchen, die den Ring nach jedem Läufer vom Plüsch befreien mussten, kamen ganz aus der Puste. Es dauerte Minuten, der nächste Läufer musste sich gedulden. So ist das nun mal, wenn Yuzuru Hanyu eiskunstläuft.

Es war ja kein gewöhnlicher Lauf. Es war Hanyus olympische Kür, eine Kür, mit der er sich zum zweiten Mal hintereinander die Goldmedaille sicherte. Das schaffte zuletzt der US-Amerikaner Dick Button vor mehr als sechzig Jahren. Yuzuru Hanyu aus Japan, 23 Jahre, ist für viele nun mehr denn je der beste Eiskunstläufer aller Zeiten. Und es gibt einige, die behaupten, man dürfe nicht von dieser Welt geschieden sein, ohne einmal gesehen zu haben, wie Hanyu seinen Beruf ausübt.

Ein Eiskunstläufer auf der Bucket List – ist das berechtigt? Absolut!

Der Mann ist ein Ereignis. Ein kleiner Mann auf einer großen Eisfläche in einer noch größeren Halle und dennoch füllt er jeden Kubikzentimeter aus. Das nennt man Präsenz, Ausdruck, Stil, Leibhaftigkeit. Hanyu ist da, einfach da.

Für Freunde der Ästhetik ist sein erneuter Sieg eine gute Nachricht. Zuletzt drohte sich der Eissport in eine Richtung zu entwickeln, an deren Ende man das "Kunst" aus dem Wort "Eiskunstlauf" hätte streichen können. Die Sprungwunder, die Turner mit Schlittschuhen, wollten den Sport übernehmen, der schon seit je zwischen Kunst und Kraft schwankt. Sie schienen zu gewinnen.

Andere springen besser, er ist der Eleganteste

Nathan Chen aus den USA etwa gilt als Mann mit Federn in den Füßen. Er lief die beste Kür des Abends, landete gleich sechs Vierfachsprünge. Ohne diese sogenannten Quads können Eiskunstläufer höchstens noch in Pusemuckel gewinnen. Das Wertungssystem belohnt diese Hochrisikosprünge mit deutlich mehr Punkten. Ein dreifacher Lutz etwa hat einen Basiswert von 6 Punkten, ein vierfacher Lutz dagegen einen von 13,6.

Deshalb versuchen immer mehr Läufer, in ihr Programm so viele Quads wie möglich einzubauen. So wie Chen. Der lief zwar eine sagenhafte Kür, fiel im Kurzprogramm aber nach quasi jedem Sprung aufs Eis und wurde Vierter.

Auch Hanyu kann ordentlich springen. In seiner Kür landete er vier Vierfachsprünge, einen weiteren und den dreifachen Lutz verpasste er. Er gewann trotzdem mit deutlichem Vorspung, weil seine Stärke eine andere ist. Die Preisrichter bewerten nicht nur technische Aspekte, sondern auch Präsentation, Choreografie, Interpretation. Das, was man früher B-Note nannte. Darin ist niemand so gut wie Hanyu, damit macht er die Angebersprünge der anderen mehr als wett. Hanyu wird nie die meisten Quads aufs Eis bringen, aber immer der eleganteste Läufer sein.