Ein Fußballfan als Staatsfeind

Wahre Liebe kennt keine Grenzen. Fast jeder Fußball-Fan in der DDR hatte auch einen Club aus der Bundesliga, dem er die Daumen drückte. Meist heimlich und hinter verschlossenen Türen, denn wer offen seine Sympathie zum FC Bayern, dem HSV oder Werder Bremen zeigte, lief Gefahr, von der Stasi ins Visier genommen zu werden. Was viele Fans trotzdem nicht daran hinderte, auch in der Öffentlichkeit für die Fußballer aus dem nichtsozialistischen Ausland zu jubeln. 

Aber nicht jeder ging bei dieser Leidenschaft so sehr an die Grenze wie Wolfgang Großmann. Der heute 60-Jährige wurde in Mönchengladbach geboren, wuchs aber in Dresden auf. Er wurde Fan von Dynamo Dresden, vor allem aber von der unerreichbaren Borussia aus seiner Geburtsstadt. "Wolle" lebte ein wildes Leben auf den Rängen der DDR-Oberliga und schrieb schon als Teenager seinen ersten Ausreiseantrag, weil er "endlich auf den Bökelberg" wollte. 1982 gründete er den Bundesliga-Fanklub Dresdener Löwen, in dem sich Fans der West-Vereine trafen, um Bier zu trinken, Auswärtsfahrten zu planen und alte "kicker"-Ausgaben zu tauschen.

Zu viel für die DDR-Verantwortlichen, der Fanklub wurde von inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi unterwandert und schließlich aufgelöst. 1985 durfte Wolle die DDR mit seiner Freundin und seinem Sohn endlich verlassen – und zog nach Mönchengladbach. Dort lebt er heute noch. Gemeinsam mit dem Journalisten Alex Raack hat er seine Geschichte jetzt veröffentlicht. "Wolle – ein Fan zwischen Ost und West" ist im Tropen-Verlag von Klett Cotta erschienen und kostet 16,95 Euro. ZEIT ONLINE veröffentlicht ein Kapitel aus diesem Buch. 

Verrat

Im März 1983, Wolle ist gerade auf einen Schnack mit seinem Meister Rainer und Herbert, dem Hausmeister, bekommt sein VEB Besuch von zwei Herren, die hier zuvor noch nie jemand gesehen hat. "Oh, oh, die Stasi", murmelt Herbert, als er draußen einen grauen Moskwitsch entdeckt. Fünf Minuten später klingelt in der Meisterbude das Telefon. Rainer nimmt ab. 

"Ja, der ist hier. Wolfgang, du musst mal hoch." 

Kombinatsleiter Jürgen erwartet Wolle mit den beiden Männern. Die wollen einen Sachverhalt klären, doch Wolle ist sich keiner Schuld bewusst. "Geh mit", rät Jürgen, "dann hast du ja nichts zu befürchten." Wenn der wüsste. Wolle weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, worum es geht. An die Sache mit dem Bundesliga-Fanclub verschwendet er keinen Gedanken. Seit mehr als eineinhalb Jahren gibt es die Löwen nun, eine Zeit voller verrückter Fußball-Fahrten, vielen liebevoll zusammen gesammelten kicker-Starschnitten und zu viel Alkohol. Er war sich bewusst, dass den Behörden die Existenz eines solchen Klubs trotzdem nicht gefallen würde. Aber hatte er nicht Vorkehrungen getroffen? Wenn er sich zu Hause mit Freunden über den Fanklub unterhielt, ließ er immer das Wasser laufen oder drehte das Radio lauter um mögliche Wanzen auszutricksen. Kammerjäger gegen das Ungeziefer Ungewissheit. Und trotzdem war ihm immer bewusst gewesen, dass es irgendwann einmal Ärger für die Löwen geben würde. Er konnte nur nicht ahnen, in welchem Ausmaß. 

Sie führen ihn zu dem grauen Moskwitsch. Die Türen im Fond des Wagens haben keine Griffe, aber das weiß Wolle ja schon. Während der Fahrt ist es still im Wagen. Die Stasi-Männer sind ein eiserner Vorhang des Schweigens, Wolles Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Warum? Weshalb? Wer? Und vor allem: was passiert jetzt? Es muss ein furchtbares Gefühl sein, von einer Polizei abgeführt zu werden, die nicht dein Freund und Helfer, sondern dein schlimmster Feind sein will. Im Polizeipräsidium geht es hinten rein in den Hof, zweite Etage, links in den Flur. Im Gang ist niemand. Außer ein Motorradhelm, der auf einer Bank liegen gelassen wurde. Wolle zuckt zusammen. Das Teil gehört einem seiner Löwen-Freunde, Fanklub-Mitglied Hertha, der wie fast alle anderen nach seinem Herzensverein gerufen wird. Der Aufkleber der alten West-Berliner Dame hat es ihm verraten. Jetzt weiß er, warum er hier ist. 

Ein Fußballfan als Staatsfeind

Wolle, geboren in Mönchengladbach, aufgewachsen in Dresden © privat

Wolle wird in ein abgedunkeltes Zimmer geführt, auf einen Stuhl vor einem Schreibtisch verwiesen und allein gelassen. Wenig später öffnet sich die Tür, ein Mann kommt herein und blafft Wolle an: 

"Mach mal das Licht an!"
"Das verbitte ich mir, sind wir etwa per Du?", fragt der.
"Wie wollen sie denn angesprochen werden? Als 'Herr Großmann' oder '1. Vorsitzender'?", entgegnet der Stasi-Mann. 

Und Wolle wird endgültig klar, dass der Bundesliga-Fanklub Dresdner Löwen 1981 aufgeflogen ist. Jetzt bekommt selbst er es mit der Angst zu tun. Diese Situation ist neu. Was machen sie jetzt mit ihm? Passiert seinen Eltern etwas? Sind Kony und Daniel in Gefahr? Seine anderen Familienmitglieder? Er und Kony haben furchtbare Geschichten von Freunden gehört, die wegen einer Kleinigkeit für viele Monate weggesperrt wurden, Mütter, denen man die Kinder weggenommen hat, so genannte Klassenfeinde, die in Flutbunkern entsorgt wurden wie Fischabfall. Wie viel stimmt von diesen Horror-Storys? Aber vor knapp zwei Jahren (Wolle weiß heute leider nicht mehr, wofür und weshalb) hatte man ihn selbst nach einem Spiel in solche eine Zelle gesteckt. 

Eine Anlage, so nah an der Elbe errichtet, dass das Wasser manchmal in die oben offene Zelle schwappte. Wolle hatte Todesangst. Vielleicht hat er deshalb so viel von diesem Erlebnis vergessen, wo er doch sonst so eine erstaunliche Erinnerung hat. "Ich dachte in dem Moment: 'Kommst du jemals wieder nach Hause?'", sagt Wolle und atmet den letzten Kippenzentimeter ein. Asche zu Asche. 

Zunächst einmal wird Wolle von zwei Männern befragt. 

"Haben sie den Fanklub gegründet?"
"Sind sie Anhänger des west-deutschen Fußballvereins Borussia Mönchengladbach?"
"Sind sie Anhänger der Bundesliga?"
"Wie oft waren sie auf den Ausflügen dabei?"
"Wie heißen die anderen Fanklub-Mitglieder?"
"Wo wohnen die anderen Fanklub-Mitglieder?" 

Und Wolle antwortet:
"Ja."
"Ja."
"Ja."
"So oft es ging."
"Keine Ahnung, ich kenne nur die Spitznamen."
"Keine Ahnung." 

Wolle sagt aber auch: "Ich bin mir keiner Schuld bewusst." Die Männer haben Bilder dabei, sie zeigen Wolle gemeinsam mit einem auf dem Weg nach Prag. Der hatte es irgendwie geschafft, sich in der Requisite für den Dreh eines Nazifilms zu bedienen, mit frechem Grinsen schwenken die beiden Ossis eine Hakenkreuzfahne. Mehr Mittelfinger für den Staat war zu DDR-Zeiten nicht möglich. 

Eintrittskarte zur Uefa-Cup-Partie der Gladbacher in Magdeburg © privat

"Das ist eine Fotomontage", behauptet Wolle. Aber die Männer wissen eh alles. Von den Gesängen im Zug. Den Tauschbörsen im Gartenlokal. Von den Partys auf dem Bauernhof. Dinge, die nur wissen kann, wer dabei war. Irgendwer hat den Bundesliga-Fanklub bespitzelt. Jetzt wird auch Wolle klar: Die Staatssicherheit der DDR hat sich tatsächlich die Mühe gemacht, einen Klub zu unterwandern, der sich aus ein paar jungen Männern zusammensetzt, die eben nicht Fans von Jena, Cottbus oder Zwickau sind, sondern von Bayern München oder Schalke 04. 

All die Mühe, all der Aufwand, all die Angst – für nichts. Keine "Verfolgung gesetzwidriger Ziele", keine "ungesetzliche Kontaktaufnahme". Nur ein Haufen junger Männer, die Fußball mögen, sich gerne zusammen betrinken und ab und an daneben benehmen. Fußball-Fans eben. 

Bis heute können sich die Fans nicht vollständig vertrauen

Getrieben von der ständigen Paranoia, vom nicht-sozialistischen Ausland unterwandert zu werden, hat die Stasi nicht nur über Monate hinweg harmlose Bürger der DDR (und der BRD) ausspioniert und damit zu Verbrechern abgestempelt, sie hat auch einen jungen Mann dazu gedrängt, seine eigenen Freunde zu bespitzeln und damit eine lebenslange Schuld auf sich zu laden. "IM Simon Körster" hat mehrfach versucht, den Kontakt mit der Stasi abzubrechen, aber die ließ das nicht zu. Dass dieser Mann auch nach dem Ende des Bundesliga Fanclubs weiter für die Behörde horchte, guckte und Protokoll führte, ist noch einmal eine andere Geschichte, doch sie hat mit Wolles Biografie nichts mehr zu tun.

Unter den damaligen Klub-Mitgliedern führte der "OV Fan" nicht nur zur Auflösung eines Bekanntenkreises, er sorgt auch bis heute dafür, dass die Bundesliga-Fans von damals einander nicht vollständig vertrauen können. Wer genau wann und wie irgendetwas Falsches getan hat, lässt sich lediglich in einigen Akten beweisen, inzwischen kursieren aber schon mehr Namen mutmaßlicher Spitzel, als es IMs gab. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die nicht wissen oder nicht wissen wollen, wer damals über sie plauderte. Die Ermittlungen der Stasi im Falle der Dresdner Löwen offenbaren keine erstaunlichen Details oder Maßnahmen, sie sind lediglich der Beweis dafür, wie absurd Teile des DDR-Systems waren. 

Wolfgang Großmann heute © privat

Wolle selbst kam damals auch deshalb relativ unbeschadet davon, weil er sich letztlich nichts hatte zu Schulden kommen lassen. Es wurmt ihn, dass nicht noch mehr Beweise dafür vorliegen, wie die Stasi ihn und seine Familie drangsalierte. Auch damit steht er exemplarisch für so viele, die vielleicht auf ewig mit zu wenigen Antworten auf zu viele Fragen klarkommen müssen. 

"Haben Sie Ihren Angaben noch etwas hinzuzufügen?", wurde einer von Wolles Kumpels während des Verhörs gefragt. 

"Ja", antwortete der. "Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Wir haben uns doch nur getroffen, um Fußball zu gucken."