Wolle, geboren in Mönchengladbach, aufgewachsen in Dresden © privat

Wolle wird in ein abgedunkeltes Zimmer geführt, auf einen Stuhl vor einem Schreibtisch verwiesen und allein gelassen. Wenig später öffnet sich die Tür, ein Mann kommt herein und blafft Wolle an: 

"Mach mal das Licht an!"
"Das verbitte ich mir, sind wir etwa per Du?", fragt der.
"Wie wollen sie denn angesprochen werden? Als 'Herr Großmann' oder '1. Vorsitzender'?", entgegnet der Stasi-Mann. 

Und Wolle wird endgültig klar, dass der Bundesliga-Fanklub Dresdner Löwen 1981 aufgeflogen ist. Jetzt bekommt selbst er es mit der Angst zu tun. Diese Situation ist neu. Was machen sie jetzt mit ihm? Passiert seinen Eltern etwas? Sind Kony und Daniel in Gefahr? Seine anderen Familienmitglieder? Er und Kony haben furchtbare Geschichten von Freunden gehört, die wegen einer Kleinigkeit für viele Monate weggesperrt wurden, Mütter, denen man die Kinder weggenommen hat, so genannte Klassenfeinde, die in Flutbunkern entsorgt wurden wie Fischabfall. Wie viel stimmt von diesen Horror-Storys? Aber vor knapp zwei Jahren (Wolle weiß heute leider nicht mehr, wofür und weshalb) hatte man ihn selbst nach einem Spiel in solche eine Zelle gesteckt. 

Eine Anlage, so nah an der Elbe errichtet, dass das Wasser manchmal in die oben offene Zelle schwappte. Wolle hatte Todesangst. Vielleicht hat er deshalb so viel von diesem Erlebnis vergessen, wo er doch sonst so eine erstaunliche Erinnerung hat. "Ich dachte in dem Moment: 'Kommst du jemals wieder nach Hause?'", sagt Wolle und atmet den letzten Kippenzentimeter ein. Asche zu Asche. 

Zunächst einmal wird Wolle von zwei Männern befragt. 

"Haben sie den Fanklub gegründet?"
"Sind sie Anhänger des west-deutschen Fußballvereins Borussia Mönchengladbach?"
"Sind sie Anhänger der Bundesliga?"
"Wie oft waren sie auf den Ausflügen dabei?"
"Wie heißen die anderen Fanklub-Mitglieder?"
"Wo wohnen die anderen Fanklub-Mitglieder?" 

Und Wolle antwortet:
"Ja."
"Ja."
"Ja."
"So oft es ging."
"Keine Ahnung, ich kenne nur die Spitznamen."
"Keine Ahnung." 

Wolle sagt aber auch: "Ich bin mir keiner Schuld bewusst." Die Männer haben Bilder dabei, sie zeigen Wolle gemeinsam mit einem auf dem Weg nach Prag. Der hatte es irgendwie geschafft, sich in der Requisite für den Dreh eines Nazifilms zu bedienen, mit frechem Grinsen schwenken die beiden Ossis eine Hakenkreuzfahne. Mehr Mittelfinger für den Staat war zu DDR-Zeiten nicht möglich. 

Eintrittskarte zur Uefa-Cup-Partie der Gladbacher in Magdeburg © privat

"Das ist eine Fotomontage", behauptet Wolle. Aber die Männer wissen eh alles. Von den Gesängen im Zug. Den Tauschbörsen im Gartenlokal. Von den Partys auf dem Bauernhof. Dinge, die nur wissen kann, wer dabei war. Irgendwer hat den Bundesliga-Fanklub bespitzelt. Jetzt wird auch Wolle klar: Die Staatssicherheit der DDR hat sich tatsächlich die Mühe gemacht, einen Klub zu unterwandern, der sich aus ein paar jungen Männern zusammensetzt, die eben nicht Fans von Jena, Cottbus oder Zwickau sind, sondern von Bayern München oder Schalke 04. 

All die Mühe, all der Aufwand, all die Angst – für nichts. Keine "Verfolgung gesetzwidriger Ziele", keine "ungesetzliche Kontaktaufnahme". Nur ein Haufen junger Männer, die Fußball mögen, sich gerne zusammen betrinken und ab und an daneben benehmen. Fußball-Fans eben.