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ZEIT ONLINE: Herr Caruana, wie fühlt es sich an, dieses Turnier gewonnen zu haben?

Fabiano Caruana: Es ist unglaublich. Ich dachte vorher, dass ich eine Chance auf den Sieg habe. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass es so enden würde.

ZEIT ONLINE: Es gab viel Anspannung in diesen zweieinhalb Wochen …

Caruana: Irgendwann spürte auch ich die Anspannung. Etwa zur Hälfte des Turniers spielte ich mehrmals remis und verlor gegen Karjakin. Da kam zu viel Anspannung zusammen, zu viel Stress, den ich mir machte, um Erster zu bleiben. Die Niederlage half mir, mich zu entspannen, meinen Spielrhythmus wiederzufinden. Deshalb: Ja, die Anspannung ist häufig riesig. Und bei allen Turnieren ist es wichtig, mit dem Stress und dem Druck klarzukommen. Im Gegensatz zu einem normalen Turnier geht es hier um sehr viel. Der erste Platz ist ein großer Erfolg für jeden Spieler. Jede andere Platzierung ist kein Erfolg.

ZEIT ONLINE: Ist es eine Last, so früh in Führung zu gehen?

Caruana: Nein, zu Beginn gibt sie einem Selbstvertrauen, das ist großartig. Erst später im Turnier beginnst du, die Last zu spüren, weil du nach neun Runden gern schon fertig wärst – aber da sind immer noch viele Partien zu spielen, und viele Spieler versuchen dich einzuholen.

ZEIT ONLINE: Hat es Sie erschrocken, dass Sergej Karjakin plötzlich zurückkam.

Caruana: Das war sehr unerfreulich. Es fühlte sich auch ein wenig an wie ein Déjà-vu. Und dann hat er mich auch noch geschlagen. Es war eine sehr unerfreuliche Wende. Danach beschlich mich das Gefühl, als ob bereits alles verdorben wäre.

ZEIT ONLINE: Hat Sie die Partie gegen ihn wachgerüttelt?

Caruana: Völlig. Ich habe nicht nur in dieser Partie, sondern auch in denen davor sehr schlecht gespielt. Mein Spiel fühlte sich zäh an. Ich spielte nicht wirklich frei auf. Danach bekam ich plötzlich meine Leichtigkeit, mein Spiel zurück. Zum Glück war es nicht zu spät.

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ZEIT ONLINE: Am Ende der letzten Runde hätte Ihnen ein Remis gereicht, aber Sie haben die Partie gewonnen und das Turnier mit einem ganzen Punkt Vorsprung beendet. War das auch eine Demonstration: Sie sind der Beste der Kandidaten?

Caruana: Ich hatte nicht erwartet, an diesem Tag eine Gewinnchance zu haben, aber wenn sie sich ergibt, wollte ich sie ergreifen. Am Ende sah ich, dass Schachrijar Mamedjarow nur remis spielen würde. Aber meine Stellung gegen Grischtschuk war so gut, dass ich dachte, das ist gewonnen, das sollte ich nicht remis geben. Es ist immer noch eine Schachpartie, und wenn ich am Gewinnen bin, sollte ich auch versuchen, zu gewinnen.

ZEIT ONLINE: Wie waren Sie während des Turniers organisiert?

Caruana: Ich war nur mit meinem Trainer Rustam Kasimdschanow hier. Meine Managerin Mehreen Malik kam zum ersten Tag her und reiste dann wieder ab. Vor dem Turnier habe ich mit mehreren Spielern gearbeitet, aber hier waren wir nur zu zweit. Ich bevorzuge es, nicht in einem Pulk zu arbeiten, weil es einem Energie raubt. Ich finde die Dynamik zwischen uns allein besser.

ZEIT ONLINE: Wohnten Sie im selben Hotel und trafen sich dann am Tag für ein paar Stunden?

Caruana: Wir wohnten im selben Hotel und trafen uns meist am Morgen nach dem Frühstück und bereiteten uns auf die Partien vor.

ZEIT ONLINE: Und dann gab es den ganzen Tag nur Schach?

Caruana: Meistens haben wir uns ein wenig Zeit für einen Spaziergang genommen. An einem Tag hatten wir eine Massage, was sehr nett war. Wir haben ein paar Filme geschaut und ein wenig Sport getrieben, weil man seinen Körper fit halten muss, wenn man zwei Wochen Schach spielt.

ZEIT ONLINE: Vor einigen Jahren dachte jeder, Sie wären der Einzige, der Magnus Carlsen herausfordern könnte. Aber dann lief es eine Zeit lang nicht rund. Warum?

Caruana: Ich glaube, jeder Spieler hat Phasen, in denen er besser oder schlechter spielt. Sogar Magnus hat schwierige Zeiten, schwache Turniere, Zeiten, in denen er nicht viel gewinnt. Das ist normal. Ich hatte sehr gute Phasen und ich hatte sehr schlechte Phasen. Alles in allem glaube ich, dass ich in den vergangenen sechs, sieben Jahren ein sehr hohes Level an der Weltspitze des Schachs halten konnte. Ich hatte Chancen beim vergangenen Kandidatenturnier vor zwei Jahren. Ich habe über weite Strecken des Turniers ziemlich gut gespielt, aber um das Kandidatenturnier zu gewinnen, braucht es auch ein wenig Glück. Und dieses Mal hatte ich das eben auch.