Gut sieht Felix Magath aus, alert, markante Brille, analytischer Blick. Kurz ist sein Auftritt im Berliner Kühlhaus, wenige Sekunden; er ist nur zum Anstoß gekommen. Als Freund des königlichen Spiels darf der Fußballtrainer den ersten Zug der Spitzenbegegnung ausführen. Schachrijar Mamedjarow und Fabiano Caruana sitzen schon auf der schwarzen Bühne im gleißenden Licht. Von oben lugen erwartungsfroh die Zuschauer über die Brüstung. Der zur Zeit Zweitplatzierte aus Aserbaidschan will den zur Zeit Erstplatzierten aus den Vereinigten Staaten bezwingen und ihm die Führung im Kandidatenturnier entreißen. Dem Eröffnungszug kommt da große Bedeutung zu.

Magath tritt ans Brett, begrüßt die Konkurrenten, beugt sich zu Mamedjarow hinunter und lässt sich zeigen, was er für ihn ziehen soll. Den Damenbauern zwei Felder vor? Magath ergreift den Bauern, blickt entschlossen in die Kameras und setzt den Bauern ins Zentrum des Brettes. Der Kampf hat begonnen.  

Minuten später sitzt er oben im Kühlhaus in der VIP-Lounge und lässt sich einen Tee aufgießen. Während der Beutel noch schwebt und der Faden aus der Tasse hängt, beantwortet er schon die ersten Fragen; die Schachwelt möchte wissen, was der Fußballtrainer zu sagen hat. Wie findet er die stadionartige Gestaltung der Spielzone, unten die acht Gladiatoren, oben das Publikum? "Das finde ich sehr gut", sagt Magath. "Die Atmosphäre ist leistungsfördernd. Unter Beobachtung Leistung abliefern, das kenne ich. Wenn jemand einen Siegeswillen hat und die mentale Verfassung, dann kann ihm diese Atmosphäre helfen."

Schach spielen auf ZEIT ONLINE

Haben Sie das Zeug zum Großmeister? Finden Sie es heraus mit unserem neuen Schachspiel.

Aber was, wenn nicht? Wenn bei jemandem plötzlich nichts mehr läuft? Hätte er da einen Tipp? "Wenn ein Spieler seine Leistung nicht abrufen kann, hat das mit der mentalen Verfassung zu tun. Man muss ihm helfen, wieder an sich selbst zu glauben, statt an sich zu zweifeln."

Das klingt gut. Hoffentlich haben die Großmeister am unteren Tabellenende so einen aufbauenden Trainer und keinen, der sie zur Strafe ihres Unvermögens mit zusätzlichen Mattübungen quält. Magath denkt schon weiter, schwärmt vom Angriff: "Wenn man die Figuren richtig zusammenzieht, so dass an einem Punkt die Züge explodieren! Das macht für mich die Schönheit aus." Im Fußball ende die Offensive im Torschuss, beim Schach am König – eine Zusammenschau, die plausibel erscheint. 

Magath dreht die Sache jetzt mal um: "Ich habe vom Schach viel für den Fußball gelernt. Druck machen, auf der anderen Seite angreifen, mit jedem Zug etwas bewirken." Eben nicht den Ball quer- und dann zurückspielen, sondern Initiative entfalten und behalten. "Die Initiative ist in jedem Spiel das Wichtigste!"